Berlin : Paul Beilcke (Geb. 1936)

1969 kam er zum ersten Mal auf Besuch, der Onkel aus Amerika

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In fünf Jahren, Hotte, in fünf Jahren bin ich wieder da.“ Paul drückte dem Bruder fest die Hand. Am Stuttgarter Platz war das, September 1956. Es ging nach Kanada. Holzfäller wollte er werden. In Berlin war keine Zukunft, nur Armut.

Dreher und Fräser war der Vater gewesen, und geliebt hatte er die Mutter, sieben Kinder in zehn Jahren, mehr Liebe geht fast nicht. Mehr Kinder passten auch nicht in die Wohnung, Wedding, Togostraße, zweieinhalb Zimmer, Ofenheizung, Kochmaschine. Der Jüngste mit der Mutter im Ehebett, daneben der Älteste, dann noch ein Kinderbett, im anderen Raum noch drei Jungs, im halben die Mädchen. Der Vater? War schon tot, kaum dass der Jüngste, Horst, genannt Hotte, auf die Welt gekommen war.

Im November 1943 kam der Vater bei einem Luftangriff in Berlin ums Leben. Der Glückspilz hatte ja nicht an die Front gemusst, sondern sollte im Fabrikschutz dienen. Das Schicksal spielt seltsame Spiele. Ringsum Schutt und Asche, nur das Haus in der Togostraße hielt stand. Mutter und Kinder blieben verschont vom Krieg, aber nicht vom Hunger. „Mutti, was gibt’s heute zum Essen?“ – „Kalten Arsch mit Schneegestöber.“ Ihr Humor war noch einen Tick härter als das Leben. Die Selbstgedrehten blieben ihr einziger Luxus. Die Kinder sind raus in den Tegeler Forst, Brennholz sammeln, in den Schrebergärten gab es Äpfel, Rüben und Beeren. Jeder war sich selbst der Nächste, aber die Familie hielt zusammen. Und jeder machte die Schule zu Ende. Paul lernte an den Strickmaschinen des Nachbarn und ging dann ins Textilwerk. Malern konnte er auch, vor allem konnte er gut mit Menschen. Und er hatte Träume.

Ab nach Kanada, mit seinem Schulfreund Peter. Über Bremerhaven ging’s nach Halifax, dann weiter nach Toronto, erst mal Englisch lernen. Dann ins Bergwerk, die Schiffspassage abarbeiten, tagelöhnern auf der Tabakplantage, nebenbei Tellerwäscher, dann endlich Holzfäller.

Heiße Sommer, kalte Winter, gewohnt haben sie in Baracken. Für die Liebe war erst später Zeit, als er Marianne kennenlernte. Mit ihr zog er weiter über Vancouver in die USA, in den Sonnenstaat, nach Los Angeles. Ein kleiner Bungalow, später ein schönes Haus im spanischen Stil, immer Pick-ups, auf denen auch Lassie hätte mitfahren können. „Leben tu ich wie ein Amerikaner, aber im Herzen, Hotte, bin ich immer Deutscher geblieben.“ Den Pass hat er behalten. Und für die drüben blieb er der Deutsche, fleißig, freundlich, zuverlässig.

Er hatte ein gutes Händchen für alles, Malerarbeiten außen und innen, für die Großen der Filmindustrie hat er gearbeitet, für Bankiers und Anwälte. Er hat gern gearbeitet und gut verdient. Viel Freizeit gönnte er sich nicht, sonntags ging er auf die Rennbahn, abends hat er gern mal gepokert oder bei einem Glas Wein sich von den großen Tenören was vorsingen lassen.

Die Familie hat er nie vergessen. Als Erste war die Schwester auf Besuch rübergeflogen, dann die restlichen Geschwister. Nur die Mutter war nie drüben und dennoch mächtig stolz, als er das erste Mal zu Besuch kam, der Paul, Dezember 1969 und dann immer wieder, der Onkel aus Amerika.

Als seine Ehe in die Brüche ging, zog er mit seinem Freund Robert zusammen. Was in der Familie für ein Augenzwinkern sorgte, aber für ein freundliches, weil der Freund so gut zu ihm passte. Sie hatten einen großen Garten, einen Papagei, Hunde und jede Menge Katzen, die ihm zugelaufen waren oder einfach über den Gartenzaun geworfen wurden, weil jeder wusste: Bei Paul haben sie es gut.

Als Robert vor drei Jahren starb, wurde es stiller um Paul. Die Familie war weit weg, das Herz wurde ihm schwer, die Kindheit kam wieder näher und die Sehnsucht nach der Heimat. Er hatte all die alten Lieder noch im Kopf, und manchmal summte er nach der Melodie der „Drei Travellers“: „Ich hab’ so Heimweh nach dem Kurfürstendamm, Berliner Tempo, Betrieb und Tamtam!“ Wobei, Tamtam hat er nie um sich gemacht.

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