Berlin : Paul-Gerhardt-Festtage: Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Andreas Conrad

Im Jahre des Herrn 1973 begab es sich aber, dass die Paul-Gerhardt-Gemeinde im westfälischen Unna-Königsborn ein Grundstück erwarb und bald darauf vom Finanzamt Hamm einen Fragebogen mit folgender Anrede erhielt: "Sehr geehrter Herr Gerhardt, zur Klärung des Steuerfalls bitte ich die folgenden Fragen zu beantworten ..." Ein eifriger Finanzbeamter hatte da offenkundig etwas gründlich missverstanden. Oder sollten ihn vage Erinnerungen an Konfirmandenunterricht und fromme Verse des besagten Paul Gerhardt - "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld" - in die Irre geleitet haben?

Ausgerechnet zu Himmelfahrt beginnen in Berlin die Paul-Gerhardt-Festtage 2001, die am Sonntag, dem 325. Todestag des Kirchenlieddichters, in einen Festgottesdienst münden. Eigens wird dazu die laufende Ausstellung in der Nikolaikirche in Mitte umgeräumt, schließlich wirkte Gerhardt in dem mittlerweile zum Museum umgewandelten Gotteshaus jahrelang als Diakon. 1957, zu seinem 350. Geburtstag, war dort von der Evangelischen Kirche eine Gedenktafel angebracht worden. Paul Gerhardt gilt als der nach Luther bedeutendste evangelische Kirchenlieddichter. 134 geistliche Gedichte hat er geschaffen, darunter 55 Eigendichtungen wie "Befiehl du deine Wege", "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" und "Nun ruhen alle Wälder". Die übrigen waren Nachdichtungen, etwa von mittelalterlichen Hymnen wie das berühmte "O Haupt voll Blut und Wunden".

Noch immer enthält das evangelische Gesangbuch rund 30 Gerhardt-Lieder, viele wurden vertont von Johann Crüger, seinerzeit Kantor zu Nikolai, der 1647 das älteste Berliner Gesangbuch herausgebracht hatte und dadurch zur Verbreitung von Paul Gerhardts Versen beigetragen hat. Allein 18 Lieder stammten darin von Gerhardt, in der Ausgabe von 1653 waren es bereits 81. Er selbst, ein bescheidener, ganz seinem Glauben hingegebener Mann, hat sich um diesen Erfolg nie gekümmert.

Gerhardt stammte aus dem damals kursächsischen Gräfenhainichen bei Wittenberg und hatte in der Lutherstadt dort ein streng an der Lehre des Reformators ausgerichtetes Theologiestudium absolviert. 1643 war er als sogenannter Kandidat erstmals nach Berlin gekommen, wohnte im Haus des Kammergerichtsadvokaten Andreas Berthold, seines späteren Schwiegervater, der ihn als Hauslehrer angestellt hatte.

Die folgenden Jahre wurden die fruchtbarsten für Gerhardts religiöse Lyrik, die vor dem Hintergrund des 30-jährigen Krieges entstand und in der Geschichte des evangelischen Kirchengesangs die Abkehr vom Bekenntnislied der Lutherzeit hin zum persönlichen, Naturerfahrung und Gotteserlebnis verbindenden Andachtslied bedeutete. Von 1651 bis 1657 wirkte Gerhardt als Probst in Mittenwalde, danach kam er zurück nach Berlin, wo er zum Diakon, also zum zweitem Prediger von St. Nikolai gewählt worden war.

Seine Amtszeit fällt in eine Phase schwerer Lehrstreitigkeiten zwischen lutherischer und reformierter Kirche, in die sich auch Kurfürst Friedrich Wilhelm, genannt der Große, einmischte. Selbst von reformiertem Glauben, wollte dieser seinem Land den bitter nötigen Kirchenfrieden verschaffen, verbot daher "das unnötige Eifern, Gezänk und Disputieren auf den Kanzeln". Das ebenfalls vom Kurfürsten initiierte Religionsgespräch zwischen lutherischen und reformierten Predigern hatte Gerhardt noch selbst entscheidend vorbereitet, die von seinem Landesherren verlangte Ergebenheitsadresse mochte er aber aus Gewissensgründen nicht abgeben. Friedrich Wilhelm wollte die Geistlichen zu "christlicher Toleranz und Bescheidenheit" verpflichten, verlangte dazu aber, dass sie der "Konkordienformel" abschworen. Sie war Bestandteil der lutherischen Ordination und zählte die vermeintlichen calvinistischen Irrtümer auf. Gerhardt verweigerte die Unterschrift und wurde umgehend am 13. Februar 1666 seines Amtes enthoben. Das wurde zwar nach zahlreichen Bittschriften der Bürgerschaft, des Magistrats und der märkischen Landstände rückgängig gemacht. Da der Große Kurfürst dennoch auf Gehorsam beharrte, legte Gerhardt sein Amt im Februar 1667 freiwillig nieder. Die Gemeinde entlohnte ihn aber weiter, bis er 1669 als Archidiakon in das zum Herzogtum Sachsen-Merseburg gehörige Lübben ging. Dort in der Provinz ist er am 27. Mai 1676 gestorben. Seine dichterische Kraft war da schon lange erloschen.

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