Berlin : PDS und SPD - Wandel durch Annäherung?: Kein Handschlag unter Brüdern

Brigitte Grunert

In Berlin war alles anders. In der Vier-Sektorenstadt konnte der sowjetische Druck auf die Verschmelzung von KPD und SPD zur SED dank der Westmächte nicht so viel ausrichten wie in der Sowjetzone. Und so kam es, dass die SPD als Gesamtberliner Landesverband die Zwangsvereinigung von 1946 und die Spaltung der Stadt von 1948 überlebte - bis zum Mauerbau 1961. In einem kurzen, dramatischen Kampf setzten die Berliner Sozialdemokraten ihre Unabhängigkeit durch. Als Wilhelm Pieck (KPD) und Otto Grotewohl (SPD) auf dem Gründungsparteitag der SED am 21./22. April im Admiralspalast (Metropoltheater) in der Friedrichstraße mit ihrem Händedruck die Vereinigung symbolisierten, begann damit auch die Spaltung der Berliner Sozialdemokratie.

Dabei setzte sich im Sommer 1945 zunächst nicht die KPD, sondern die SPD für die "Einheit der Arbeiterklasse" ein. Später war es umgekehrt. Während sich die Mehrheit im SPD-Zentralausschuss, der mit Grotewohl an der Spitze für die SPD in der Sowjetzone und Berlin sprach, schließlich dem Druck beugte, saßen die Opponenten im Berliner SPD-Bezirksverband, vor allem in den Westsektoren. Zu ihren Wortführern zählte der spätere Ehrenbürger Franz Neumann (Reinickendorf). Die Westzonen waren weit weg, an einen Reichsparteitag nicht zu denken. Deshalb forderte der SPD-Bezirksverband die Mitgliederbefragung über die "Gretchenfrage".

In der legendären Funktionärsversammlung der Berliner SPD am 1. März 1946 im Admiralspalast mit 2000 Teilnehmern stieß Grotewohl mit seinem Plädoyer für die rasche Verschmelzung auf Missfallensbekundungen. Franz Neumann schob ihn beiseite und verlangte unter Jubel die Urabstimmung, die auf der Stelle beschlossen wurde. Nun wuchs der Kampf um die Unabhängigkeit der SPD über die Partei hinaus und wurde zum "Kampf um die Freiheit". Der Tagesspiegel gab den Befürwortern der Mitgliederbefragung das Forum, das ihnen das Parteiblatt der Grotewohl-Führung verwehrte.

Am 31. März fand die Urabstimmung in Berlin statt, aber die sowjetische Militäradministration untersagte sie den 27 000 Sozialdemokraten im Ostsektor. In den drei Westsektoren beteiligten sich 23 755 (71,3 Prozent), von denen 82 Prozent gegen die sofortige Verschmelzung mit der KPD votierten. Nur ein Ost-Wahllokal in Mitte war morgens eine halbe Stunde geöffnet. Die Urne wurde in den Westen gerettet. Ergebnis: 96 Nein-Stimmen, nur acht Ja-Stimmen.

Die Grotewohl-Führung gab Weisung, den "Spaltern" die Parteifunktionen zu entziehen. Die Schöneberger Genossen antworteten mit dem Parteiausschluss Grotewohls, der dort in der Motzstraße wohnte. Binnen weniger Tage organisierte die SPD einen Parteitag am 7. April in der Zehlendorfer Zinnowwaldschule, die damals Krankenhaus war. 500 Delegierte aus West- und Ost-Berlin waren dabei; neuer Vorsitzender wurde Franz Neumann. Wilhelm Pieck höhnte auf dem SED-Gründungsparteitag: "Der Zehlendorfer Krankenhaus-Klub besitzt keinerlei Legitimation, sich Groß-Berliner SPD zu nennen." Aber etliche, die bewusst mit in die SED marschierten, kehrten später zur SPD zurück.

Die Ost-Berliner SPD-Genossen hingen zunächst in der Luft. Erst nach Konflikten mit den Russen setzten die Westmächte Ende Mai 1946 die Wiederzulassung der SPD im Ostsektor durch; an Wahlen durfte sie sich dort nicht beteiligen. Im Gegenzug durfte die SED auch in den Westsektoren firmieren; bei West-Berliner Wahlen blieb sie stets weit unter der Fünf-Prozent-Hürde. Es gehörte zu den Kuriositäten des Kalten Krieges, dass sogar zwei Berliner Bundestagsabgeordnete in Ost-Berlin wohnten. Einer war der spätere Senator Kurt Neubauer aus Friedrichshain. Er pendelte von 1952 bis 1961 zwischen Ost-Berlin und Bonn.

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