Personalmangel : Soldaten helfen im Rettungswagen aus

Die Personalnot bei der Feuerwehr vergrößert sich durch die ständig steigende Zahl der Einsätze. Oft werden die Rettungswagen auch bei kleinsten Anlässen angefordert.

Jörn Hasselmann

Die Berliner Feuerwehr muss immer mehr Einsätze bewältigen. In diesem Jahr wird es nach einer Hochrechnung des Landesbranddirektors gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um etwa sieben Prozent geben. Wie Wilfried Gräfling gestern im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses sagte, werden die Fahrzeuge etwa 337 000 Mal ausrücken müssen, 2007 gab es 315 000 Einsätze. Auch in den Jahren zuvor war die Zahl kontinuierlich gestiegen. Dadurch gerät die Feuerwehr in eine schwierige Lage. „Wenn sich das fortsetzt, muss mehr Personal her“, sagte Gräfling. Vor allem im Rettungsdienst sei die Situation besorgniserregend, hieß es. Waren die mit Sanitätern besetzten Rettungswagen bislang täglich etwa 800 Mal im Einsatz, könnten es bis zum Jahresende 900 Einsätze werden, sagte Gräfling. Nun sollen Soldaten helfen. Bereits seit Jahren fährt ein Notarztwagen des Bundeswehrkrankenhauses für die Feuerwehr, seit kurzem besetzt die Bundeswehr nun auch einen Rettungswagen in Wedding. Diese Zusammenarbeit könne ausgedehnt werden, wünscht sich die Feuerwehr. Das Militär profitiere ebenfalls, weil die Soldaten praktische Erfahrung sammeln.

Außerdem wurde im Ausschuss über die Auswirkungen des neuen Einsatzkonzeptes gesprochen. Dieses gilt seit Februar, weil auf Anordnung der EU die Feuerwehrleute nur noch 48 Stunden und nicht mehr 55 Stunden arbeiten dürfen. Da Berlin nicht das Geld hat, um entsprechend viele neue Beamte einzustellen, wurde zum Beispiel nachts die Einsatzstärke verringert.

Gräfling zog für das neue Konzept ein insgesamt positives Fazit: So sind bei Bränden und technischen Hilfeleistungen die roten Autos so schnell am Einsatzort, wie vom Senat gefordert. Dies war 2007 nicht gelungen. Die Rettungswagen dagegen erfüllen die vereinbarten Schutzziele wie im Vorjahr nicht. Bei der Notfallrettung ist zum Beispiel vereinbart, dass in 75 Prozent der Einsätze der Rettungswagen nach spätestens acht Minuten da ist. Im Februar waren es nur 56 Prozent, im Juli 63 Prozent. Gräfling sagte, dass möglicherweise 2009 die Ziele eingehalten werden können. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte: „Es rumpelt noch im Rettungsdienst.“ Körting kündigte an, dass es im Doppelhaushalt für die Jahre 2010/2011 mehr Geld für Personal und Fahrzeuge geben könnte. Klaus Krzizanowski, der Feuerwehrexperte der Gewerkschaft der Polizei, forderte mehr Neueinstellungen.

Für die steigende Zahl von Einsätzen macht die Feuerwehr die steigende Anspruchshaltung in der Gesellschaft verantwortlich. Es fehle der Wille zur Selbsthilfe. Wie berichtet, klagt die Feuerwehr seit langem darüber, dass sich viele Berliner bei kleinsten Verletzungen oder Magenverstimmungen von der Feuerwehr ins Krankenhaus bringen zu lassen, statt mit dem Bus zum Arzt zu fahren. Eigentlich sollte die vor drei Jahren in der Notrufzentrale installierte Software die Zahl derartiger Einsätze verringern. Dies sei gescheitert, hieß es. Nun wird überlegt, bei Engpässen „unwichtige“ Einsätze abzubrechen, um Rettungswagen zu dringenden Notfällen umzudirigieren. Dies sei derzeit technisch nicht möglich, sagte Branddirektor Gräfling.

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