Berlin : Peter Plachy (Geb. 1941)

Da lag der Spaß im Ernst

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Einmal im Jahr tagte seine Whiskyrunde. Ein Freund lud zu sich nach Hause ein, anfangs nach Flensburg, dann nach Bad Neuenahr, und Peter Plachy setzte alles dran, den Termin nicht zu verpassen, er buchte ein Hotel, informierte sich über die Whiskysorten, die verkostet werden sollten, so er sie nicht ohnehin schon kannte, im Jahr 2009 waren es die folgenden: Chivas Regal, Bladnoch, Pride of the Lowlands, Glenfarclas, Pride of Strathspey, Laphroaig, Pride of Islay, zwei davon zehn, der Rest zwölf Jahre alt.

Er war gespannt, ob die etwas muffige Torfnote der einen Marke in diesem Jahrgang deutlicher ausfallen würde, und wusste, dass ein leichter Geschmack von Gummiabrieb oder Holzkohle bei der anderen nichts Ungewöhnliches war. Dass der Whiskygenuss nichts für Uneingeweihte sei, hatte er schon immer mit einem gewissen Stolz vermerkt. Dass nach einigen Jahren – abgesehen von der Gattin des Gastgebers und Köchin der begleitenden Speisen – keine Frau mehr an der Runde teilhatte, nahm er gelassen zur Kenntnis. Zum Durstlöschen zwischen den Whiskygängen stießen die Herren mit Bier an; so viel Ausschweifung durfte schon mal sein.

Denn Peter Plachy blickte zurück auf ein Leben in geordneten Bahnen. Aufgewachsen in West-Berlin, strenges Abitur am Canisius-Kolleg, ordentliches Jurastudium an der FU, keine politischen Abenteuer – in die linksrevolutionäre Richtung der Politikstudenten sowieso nicht, aber auch nicht in die der konservativen Jura-Seilschaften um Diepgen und Landowski. Eine gemäßigte, jedoch befriedigende Karriere in der Finanzverwaltung, Sachgebietsleiter, Referatsleiter, stellvertretender Amtsleiter. Referent für Mehrwertsteuer und Kfz-Steuer, berufliche Höhepunkte: Vorträge in Namibia und auf den Philippinen. Ehe, zwei Kinder, VW Käfer, später Golf, Reihenhaus zur Miete.

Der Sohn erinnert sich an einen Vater mit langem Arbeitsweg und eher kurzen Aufenthalten im Familienkreis. Dass er ihn „Peter“ nannte, hatte nichts mit einer emanzipatorischen Eltern-Kind-Verpartnerung zu tun; es verweist eher auf ein sachliches Verhältnis. Dass der Vater im Garten mal ein Netz spannte, um mit seinen Kindern den Federball hin- und herzuspielen, ohne Punkte, nur zum Spaß, kam selten vor. Er spielte Badminton, nicht Federball! Seit seiner Jugend schon und im Verein. Da lag der Spaß im Ernst. Als der Sohn alt genug war, nahm er ihn gerne mit; endlich konnte man mit dem Knaben etwas anfangen, und als der Sohn gut genug spielte, traten sie in einer Mannschaft an, anfangs der Vater an erster Position, wo stets der Beste steht, später der Sohn vor seinem Vater.

Mit Mitte vierzig ließ Peter Plachy sich scheiden und lebte von nun an allein. Kamen auch die Frauen, mit denen er sich in den folgenden Jahren zusammentat, sämtlich aus der Finanzverwaltung, ging er weiterhin mit großem Eifer seinen Interessen jenseits des Steuerwesens nach. Er las, und schätzte den klassischen Bildungskanon, über den „Faust“ ging kaum etwas, er informierte sich zu jedem Detail in Lexika, er stellte sich in lange Schlangen, um Uraufführungen im Theater zu besuchen. Der Runde, die sich nach dem Badmintontraining zum Bier traf, brachte er Reclamausgaben von Platons „Gastmahl“ mit: Auch die anderen sollten sich auf den Theaterausflug, zu dem er sie einlud, ordentlich vorbereiten, denn sonst hat ja niemand was davon. Er fuhr Ski, meistens in Österreich, einmal in Neuseeland, weil es dort den Kea gibt, einen seltenen Bergpapagei, und auch in Dubai sowohl in einer Schneehalle als auch die Sanddünen herab. Mit Mitte 50 besorgte er sich ein Motorrad.

Ein Mann, der zu leben wusste, und dem der Abschied schwerfiel. Sie legten ihm eine Flasche „Lagavulin“ ins Grab, massive Torfnote, Andeutungen von Seegras. Nichts für Anfänger.

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