Berlin : Peter Schulz (Geb. 1938)

Würden die Menschen je das Interesse an ihrem Gewicht verlieren?

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Ein Glückspilz war er, man muss das schon sagen. Ob er das selbst so empfand? Seine Frau zuckt mit den Schultern. Eigentlich lief sie für sie ja auch nicht schlecht, die Sache mit den Automaten.

Die beiden, längst verheiratet, waren Kollegen in der Marzahner „Werkzeugmaschinenfabrik“, er in der Lehrwerkstatt, sie in der Verwaltung. Das war keine schlechte Arbeit, aber im Jahr 1987, drei Jahre bevor sich sowieso alles änderte, ergab sich anderes: Die Frau eines Kollegen wollte in Rente gehen und suchte jemanden, der ihre Wiegeautomaten auf den U-Bahnhöfen übernahm. Acht Stück besaß und pflegte sie, 70 Jahre alte Personenwaagen der Firma Sielaff, die noch ewig stehen, wiegen und Geld abwerfen würden, zehn Pfennig pro Wiegevorgang. Warum sollten sie versagen, die Mechanik war so robust wie das Geschäftsmodell: Würden die Menschen je das Interesse an ihrem Gewicht verlieren? Frau Schulz hätte die Geräte wohl übernommen, wenn sich für sie nicht gerade ein lukrativeres Geschäftsfeld eröffnet hätte: Hosen nähen und verkaufen; dank der unfähigen sozialistischen Konfektionsindustrie ließ sich damit weit mehr Geld verdienen als mit acht Personenwaagen.

Die Waagen wiederum hatten den Vorteil, dass man mit ihnen ein zwar bescheidenes, doch ausgesprochen entspanntes Auskommen hatte. Peter Schulz war bescheiden, als Werkzeugmacher verspürte er ein Verständnis für die Mechanik, und er hatte Hobbys, mit denen er die Lebenszeit zu füllen wusste, die er nun gewann. Die Anmeldung des Gewerbes war noch etwas schwierig und kostete einige Blumen und Konfektschachteln für die Dame vom Gewerbeamt, das Gewerbe selbst erwies sich jedoch als übersichtlich: jeden zweiten Tag mit der U-Bahn zu den Waagen fahren, schauen, ob sie wiegen, hin und wieder eine reparieren, und die Groschen entnehmen, zählen und zur Sparkasse bringen.

Frau Schulz verdiente mit den Hosen gut, Herr Schulz konnte sich um den Teich im Garten kümmern, doch das alles hatte mit dem Land um sie herum wenig zu tun. Dem ging es schlecht, und es verging, und mit ihm auch die unfähige sozialistische Konfektionsindustrie und mit ihr Frau Schulz’ Geschäftsgrundlage. Sie wurde ihre Hosen nicht mehr los.

Die Lage war prekär, denn von den acht Waagen konnten beide Schulz’ nicht leben. Nun ergab sich aber folgendes: Auf seinen ersten U-Bahnfahrten durch den Westen waren Peter Schulz vor allem die Waagen aufgefallen. Das waren ja die gleichen Sielaff-Modelle, die auch er besaß; nur dass bei denen hier die Kartenausgabe mit der Gewichtsangabe funktionierte. Logisch, war ja Westen, da hatten sie keine Probleme, Papierrollen zu bekommen. Das Schild an den Automaten gab Auskunft über den Besitzer, ein Herr Claasen. Den rief Herr Schulz an, um sich mit ihm einmal zu treffen, eine Unterhaltung über den Waagenunterhalt unter marktwirtschaftlichen Bedingungen. Vielleicht könnte Herr Claasen auch mit dem einen oder anderen Ersatzteil aushelfen.

Herr Claasen konnte nicht mehr aushelfen, denn er starb noch vor dem Treffen. Das war zwar tragisch, für Herrn Schulz jedoch ein Glücksfall. Denn was konnte die Witwe Claasen Besseres mit den 50 Automaten ihres Mannes tun, als sie diesem freundlichen Herrn zu vermachen, der zwar aus dem Osten aber dafür aus der Branche kam?

So geschah es, dass mit der Wiedervereinigung des Landes auch eine Wiedervereinigung des Berliner Bahnhof-Waagenwesens erfolgte, alle 58 nun unter der Obhut von Peter Schulz und seiner Frau, welche, so könnte man sagen, zurückgekehrt war in die Sachbearbeitung. Während er die Automaten pflegte, kümmerte sie sich um die Buchhaltung. Die Geschäfte liefen gut – im Westen vor allem dort, wo es viele Ausländer gab, in Neukölln und Wedding.

Dank der Pflege durch Herrn Schulz blieben die Waagen intakt und präzise, jedoch die Zeiten änderten sich. Das Interesse an ihren Pfunden werden die Leute nicht verloren haben, dafür aber offenbar den Mut, das Interesse öffentlich zu bekunden. Seit Ende der Neunziger wogen sich immer weniger Menschen auf den U-Bahnhöfen.

Gut, dass Peter Schulz seit 2003 Rente bekam. Die Waagen betrieb er dennoch weiter. Seine Frau überredete ihn, sie abzugeben. Im Januar nahm er Schilder mit auf seine Rundgänge: „Zu verkaufen“. Nur zwei davon brachte er an, dann wurde er krank. Im März ist er gestorben. Seine Frau hat die Waagen verkauft. Sie funktionieren noch, aber sie stehen nicht mehr auf den Bahnhöfen. David Ensikat

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