Berlin : Peter Sebingi Kamya (Geb. 1945)

"Ich bin gekommen, nicht um die Welt zu verändern, sondern um zu studieren."

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Wer es nicht besser weiß, würde Golf-Caddies mit Balljungen beim Tennis vergleichen, eifrige, möglichst unauffällige Dienstboten. Doch die Stärken eines guten Caddies liegen ganz woanders. Da er viel mehr Zeit auf dem Platz verbringt als seine Kunden, kennt er die Unebenheiten des Rasens ebenso wie die Asymmetrie des Erfolgs. Er kann aus Erfahrung unterscheiden, wann ein gelungener Schwung reine Glücksache ist, oder das Ergebnis von Fleiß und Talent.

Peter Sebingi Kamya hatte beides. Es war sicherlich Glück, dass er, Teenager aus einem ugandischen Dorf den Job als Caddie im feinen Golfclub der Hauptstadt Kampala bekommen hatte. Aber dort die Chance auf ein Stipendium an einer englischen Schule auf Zypern zu ergreifen und die schwere Aufnahmeprüfung zu bestehen, das ging nicht ohne Fleiß und Ehrgeiz.

An ein Studium in England oder den USA war nicht zu denken, viel zu teuer. So bewarb er sich an deutschen Hochschulen und kam 1966 nach Berlin. Die Studentenproteste, den Wunsch nach mehr Freiheit und Gerechtigkeit auch für die Länder der „dritten Welt“ fand er ganz richtig, aber er wusste, eine zweite Chance auf einen Abschluss würde es nicht geben. „Ich bin gekommen, nicht um die Welt zu ändern, sondern um zu studieren.“ Als Ingenieur für Nachrichtentechnik fand er eine Stelle bei Siemens.

„Mach das nicht, bitte!“ Er flehte Kwang-Soo an, aber sie griff zum Telefonhörer. Die „B.Z.“ suchte das schönste Brautpaar. Als Preis gab es eine Limousine und einen Fotografen am Hochzeitstag. Die bildhübsche Koreanerin und der elegante schwarze Bräutigam im weißen Anzug vor Berliner Kulisse, ein solches Bild ließen sich die Zeitungsleute nicht entgehen. Ein guter Freund fehlte zwar bei der Trauung, weil er mit der Springer-Presse nichts zu tun haben wollte, aber die Fotos und die Limousine waren es wert.

Den Mauerfall verpasste die Familie Kamya, mittlerweile mit dem siebenjährigen Sohn Steve, beinahe. Das Haus in Mariendorf musste noch vorm Winter fertig werden. In jeder freien Minute waren sie auf der Baustelle und hatten keine Zeit fürs Weltgeschehen. Das Ereignis sollte ein paar Jahre später aber doch noch Auswirkungen auf Peter haben. Seine Abteilung bei Siemens, die die Ampelanlagen von West-Berlin gesteuert hatte, wurde geschlossen. Mit der großzügigen Abfindung ließ sich der Vorruhestand sicher gut aushalten. Neben dem Golfen war der Marathonlauf seine große Leidenschaft. Doch es fühlte sich falsch an. Seine Frau arbeitete noch hart als Krankenschwester – da konnte er sich nicht als Privatier auf dem Golfplatz vergnügen.

Nach einem Besuch in Uganda beschloss Peter Kamya, etwas von seinem Glück an andere weiterzugeben. „Wer die Aidswaisen gesehen hat, der kann nicht anders als helfen.“ Mit Familie und Freunden gründete er den Verein „Hilfe für Afrika – gegen Aids und Malaria“. Oft scheiterte der Schulbesuch der Kinder an einer fehlenden Schuluniform. Kamya, ein Mann mit der Ausstrahlung eines Diplomaten, stets in Anzug und Krawatte, ging mit der Sammelbüchse auf Straßenfeste in der Nachbarschaft, verkaufte mit seiner Frau Kuchen auf Weihnachtsmärkten. Mit dem Geld unterstützte er Pflegefamilien in seinem Heimatdorf, kaufte Stoff und ließ die Uniformen von Einheimischen nähen. Jeden gespendeten Euro übergab er persönlich vor Ort, die Flüge nach Uganda zahlte er selbst.

Bald waren es über 100 Kinder, für die der Verein Verantwortung trug, und Peter Kamya war immer im Einsatz. Denn mit dem Erfolg wuchsen die Träume. Ein Projekthaus sollte entstehen, eine Berufsschule und ein Gesundheitszentrum. Seit dem Frühjahr 2013 bietet das Sebingi Technical College die Berufsausbildung für Tischler, Schneider, Klempner, Landwirte und Computertechniker an. Es trägt seinen Zweitnamen, Sebingi ist Suaheli und bedeutet „für viele“.

In Uganda wachsen keine Äpfel. Vor vielen Jahren pflanzte Peter Kamya deshalb einen Apfelbaum in seinem Garten in Mariendorf. Jeden Herbst ging er ein paar Schritte über die Terrasse und freute sich über die schönen, roten Äpfel. In Afrika hat er mit einer kleinen Idee etwas Großes gepflanzt und konnte noch sehen, wie es Früchte trug.

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