Berlin : Peter Wilde (Geb. 1939)

"Lerne das ABC, es genügt nicht, aber lerne es"

von

Als ob der Maler nur mal kurz vor die Tür gegangen wäre: Der Pinsel wie eben benutzt, die bunten Stifte griffbereit, die Leinwand auf der Staffelei, das Bild fast fertig. Sein letztes Bild. Graue und blaue Hintergründe, große Quadrate, die Buchstaben A, B und C und dann, in Schreibschrift die Botschaft: „Lerne das ABC, es genügt nicht, aber lerne es“.

Der „Philosoph mit dem Pinsel“, wie ihn ein Maler-Kollege nennt, war ein disziplinierter Arbeiter und ein geselliger Mensch. Kim, die schöne Vietnamesin, die in die DDR gekommen war und 1992 Peter Wilde geheiratet hatte, wird vom eigenen Temperament mitgerissen, wenn sie beschreibt, wie besessen ihr Mann sein konnte, wenn ihm ein Bild nicht mehr gefiel: Dann nahm er den breitesten Pinsel und überstrich all das, woran er tage- oder wochenlang gearbeitet hatte. „Manchmal war das richtig grausam, denn ich fand die Bilder wirklich schön“. Er sah das anders. Weil ihm das ABC allein nie genügt hatte.

Das Haus in Neu-Fahrland ist zur nicht-öffentlichen Bildergalerie geworden. Des Malers Epochen hängen und stehen nebeneinander. In den Neunzigern hatte er seine surreale Zeit, im Wohnzimmer hängt eine dieser rätselhaften Verschlüsselungen und Traumwelten in Öl: „Monumentales Denkmal für drei Zitronen“. Einen Schritt weiter steht der Besucher vor einer verträumten Landschaft, dann wieder vor den hoch aufgetürmten Wolken, die den schmalen Streifen Erde da unten zu erdrücken drohen, oder vor uralten Bäumen, die am Ufer des Heiligen Sees ihre knorrigen Äste ausbreiten.

Dort, in Potsdam, steht eine Villa, die sich der Maler und Mäzen Fritz Rumpf 1894 bauen ließ. 40 Jahre, bis zur Jahrtausendwende, lebte und arbeitete Peter Wilde mit anderen Künstlern dort, bis der Modemacher Wolfgang Joop das Haus kaufte und Wilde eine neue Bleibe fand. Die Villa dominiert wie ein Märchenschloss manch schönes Gemälde.

Peter Wilde, 1939 in Halle geboren, lernte Dekorationsmaler, arbeitete in Leuna und Buna, ging 1958 zur Fachschule für Werbung und Gestaltung nach Berlin und Potsdam und gelangte 1961 zur Defa in Babelsberg. Er wurde Szenenbildner, gab also der Handlung des Films das Umfeld, illustrierte die Geschichten Szene für Szene.

„Dekoration erzählt den Film“, sagt eine Kollegin von einst. Im Filmpark Babelsberg erläutert sie vor den Szenenbild-Gemälden zum Bauernkriegs-Film „Jörg Ratgeb – Maler“, wie Peter Wilde gearbeitet hat: akribisch bis ins kleinste Detail. Bei mehr als 30 Filmen war er beteiligt, darunter „Die Weihnachtsgans Auguste“ und „Sonjas Rapport“.

Noch davor, im Jahr 1964, hingen Wildes Bilder in einer ersten Ausstellung. Dann malte, zeichnete, skizzierte und vermaß der Szenograf seine Bilder für die Regisseure. Dabei war alles in fester Ordnung, in Drehbücher gepresst, an Drehpläne gebunden. Seine letzte Defa-Arbeit 1992 gab seiner Fantasie einen weiten Raum beim Übergang zur künstlerischen Selbstständigkeit: „Das Land hinter dem Regenbogen“ wurde ein Film mit abenteuerlichen Bildern und Metaphern, ein Universum von Hexen, mythologischen Gestalten, Visionen von der Erde, von Wüste, vom Paradies und von der Hölle, vom Werden und vom Vergehen. Die DDR war gemeint. Der Traum von einer besseren Welt war längst schon ausgeträumt. Es blieb der Traum von einem besseren Land hinterm Regenbogen.

Peter Wilde findet für Vergangenheit und Zukunft seine eigene Bildsprache im stillen Atelier. Zum 70. Geburtstag macht er sich mit einer Ausstellung in Potsdam ein schönes Geschenk, die Rezensenten sind begeistert. „Impressiv, mystisch und mit einer sich übertragenden Ruhe ziehen seine nebelverhangenen Regenlandschaften die Betrachter an, wie auch die sanfte Melancholie der Winterlandschaften, die von den Strukturen kahler Bäume, Wagenspuren, sich unter Schnee duckenden Büschen leben“, schreibt einer. Wilde quält sich: Drei Bypässe, Herzschrittmacher, Atemnot, schwache Nieren, krankes Herz.

Sie beerdigen ihn auf dem Neuen Friedhof in Potsdam unter den ausladenden Zweigen eines 200 Jahre alten Ahornbaums. Lothar Heinke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben