Berlin : Pfefferberg: "Bloß nicht glattsanieren"

Ole Töns

Der Pfefferberg - in Sommernächten flaniert das Szenevolk hier unter orange leuchtenden Straßenlampen die Schönhauser Allee entlang. Jetzt ist der Winterhimmel grau, und in den hinteren Höfen dröhnt der große Hammer. Reste verwinkelter Bürowände fallen krachend durch einen Plastikschlund in den Schuttcontainer - Hinterlassenschaften realsozialistischer Zeiten. Bald sollen Medienfirmen dort einziehen. Ein Haus weiter, in einem weiten Atelierraum voller Gipsstatuen, spielt derweilen leise klassische Musik, fällt Wintersonne durch hohe Fenster auf staubige Skulpturen. Ein traumhafter Empfang für den ersten neuen Mieter des entstehenden Kultur-, Wirtschafts- und Medienstandortes Pfefferwerk. Der Galerist Akira Ikeda, der zu seinen Dependancen in New York und Japan nun auch eine in Berlin eröffnen will, bewundert die gründerzeitlichen Deckenkacheln. Die Atmosphäre der Räume hat ihn schnell überzeugt. Für die derzeit etwas gestressten Vermieter ein Grund, stolz zu sein. Rund zehn Jahre ist es her, dass Künstler, Lebenskünstler und Stadtteilinitiativen sich aufmachten, eine Zukunft für das marode Betriebsgelände des Bierbrauers Pfeffer zu planen. Torsten Wischnewski war schon damals dabei. Heute ist er beinahe professioneller Immobilienentwickler und im Augenblick ziemlich unter Druck: letzte Abstimmungen der Baupläne mit den Behörden, Organisation, Konferenzen zerren an den Nerven. "Niemand hat uns zugetraut, dass wir es tatsächlich schaffen", sagt er immer wieder. Aber: "Wenn das vergangene Jahrzehnt ein Marathon war, dann sind wir jetzt im Endspurt! Irgendwann hat das Land Geld bereitgestellt, damit das Areal von uns gekauft werden konnte." Die Auflage: Das Projekt muss gemeinnützige Aufgaben übernehmen und das Grundstück an eine Entwicklungsgesellschaft verpachtet werden, mit deren Gewinn die Stiftung neue Arbeitsplätze fördert. Das Ergebnis ist eine Art alternativer Konzern. Fünf Untergesellschaften und Vereine dienen verschiedenen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Zielen unter dem Label "Pfefferwerkverbund". Zweischneidig. Einerseits hat die Organisationsform etwas von der Vielfalt und Vielstimmigkeit des Anfangs bewahrt. Auf der anderen Seite geht es um wirtschaftliche Überlebensfähigkeit.

Am Prenzlauer Berg weicht die Ruinenromantik allmählich der Professionalisierung. Diese Tatsache ist kaum ernüchternder als der Anblick eines anderen Immobilienprojekts an der Schönhauser Allee: der Kulturbrauerei, einige hundert Meter weiter. Deren Glattsanierung mit Multiplexkino, bajuwarischem Bierlokal und Cocktail-Bar hat vom Charme vitaler Off-Kultur wenig übrig gelassen. "Lieber nicht platt machen durch Glattmachen", lautet daher die Devise der Pfefferwerker. Die architektonische Planung des ganze 20 Häuser, vier Innenhöfe und den maroden Biergarten umfassenden Areals haben sie darum einem Architekten anvertraut, von dem zuviel Glätte nicht befürchtet werden muss: der Libanese Bernhard Khoury sorgte im vergangenen Jahr mit einem unterirdischen Nachtclub nach Art eines Raketensilos für Aufmerksamkeit - inmitten der Ruinen von Beirut. Das markanteste Element seines Entwurfs für den Pfefferberg steht jetzt fest: ein eiserner Steg soll entstehen, der den Komplex von der Schönhauser Allee bis zur Christinenstraße überspannt. Die verschachtelten An- und Umbauten aus verschiedenen Zeiten, das reizvolle Stilchaos auf dem Pfefferberg soll auf jeden Fall erkennbar bleiben. Die Möglichkeiten des Geländes sind enorm. Schon jetzt sind Räume mit Seltenheitswert, wie die riesigen Gärkeller in der Tiefe des Pfefferbergs, regelmäßig für Dreharbeiten ausgebucht. Den Charme der alten Brauerei zu erhalten, dürfte trotzdem ein Balanceakt werden, je näher die Pfefferwerker ihrem Ziel kommen. Nicht umsonst klingt "Arriviertheit" für Immobilienentwickler verheißungsvoller als für Nachtschwärmer und Kreative. Noch schöpft Prenzlauer Berg seine Attraktivität aus dem Reiz des Unfertigen. Das Nutzungskonzept versucht dies zu erhalten. Die Trennung der Bereiche Arbeit, Soziales, Kunst und Wissenschaft soll aufgehoben werden, Avantgarde, Newcomer und etablierte Unternehmen werden eng nebeneinander existieren, möglichst kommunizieren. Vielleicht wird die Frank Stella-Ausstellung, mit der Ikeda Ende des Jahres seine Galerie eröffnen will, die erste Probe aufs Exempel. Der einstige Minimalist Stella ist gewiss kein Bequemer und gilt doch als einer der Großen der Gegenwart - arriviert ist er allemal.

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