Berlin : Pfiffikusse von der Waterkant

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Von Lothar Heinke

Die Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern sitzt mit den Brandenburgern unter einem Dach in einem neuen Haus in den Ministergärten. Der Typ „Große Stadtvilla“ fällt auf, weil seine Fassade und eine sehr deplatziert wirkende Abgrenzungsmauer aus portugiesischem Schiefer gebaut sind, schwarz und abweisend. Architekt Meinhard von Gerkan möchte uns regionale Bezüge einreden: „Während die äußere Fassadenschicht aus spaltrauem Schiefer mit einem strengen Raster den brandenburgisch-preußischen Fassadentypus repräsentiert, übernimmt die rückwärtige hölzerne Schicht aus Bootsbaupaneelen den Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern mit einem gewissen nordischen Charakter.“

Lassen wir das Draußen mal draußen und suchen mehr den inneren nordischen Charakter. Den verkörpert ein freundlicher, mehr leiser Mensch, dessen Wiege vor 47 Jahren zwar im Schloss zu Rochlitz im Sächsischen stand, den es aber dann in den Norden verschlug. Tilo Braune, zu Wendezeiten Neurologe und Psychiater an der Uni-Klinik Greifswald, sagt, er sei damals „unfreiwillig in die Politik gespült worden“ – erst als SPD-Abgeordneter in die neue Bürgerschaft der Hansestadt, dann in den Land- und schließlich von 1994 bis 1998 in den Bundestag. Danach wurde der Mediziner Bevollmächtigter des Landes Mecklenburg-Vorpommern beim Bund im Range eines Staatssekretärs und residierte zusammen mit den Sachsen in Meck-Pomms Außenvertretung in der ehemaligen Ständigen Vertretung der DDR in Bad Godesberg. Zeitgleich mit Parlament und Regierung zog die Landesvertretung 1999 von Bonn nach Berlin, wohnte in einer Etage des früheren Gästehauses des DDR-Ministerrates an der Mohrenstraße und zog im September 2001 in den nahen Neubau an der neuen Straße In den Ministergärten. „Hier setzen wir unsere Arbeit in größerem Rahmen fort: politische Prozesse beeinflussen, Kontakte knüpfen, Schaufenster unseres Landes sein.“

Mit fünf Zeilen ist die Arbeit der 26 Meck-Pomm-Berliner überhaupt nicht beschrieben, man sollte wenigstens einige Beispiele dafür nennen, dass die Landesvertretung dem Klischee „Schöne Gegend, Shantychöre, hohe Arbeitslosigkeit und ansonsten eingeschlafene Füße“ einiges entgegensetzt. Da treffen sich in den Sitzungsräumen die Teilnehmer „parlamentarischer Abende“, Abgeordnete zumeist, oder Fachleute diskutieren über ein Thema, das in der Luft liegt (wie die Autobahn A 20). In der Hauptstadt-Außenstelle der Schweriner Landesregierung wurde zum Beispiel die sehr praktische Lösung eines jahrelangen Streitobjekts gefunden: Jedes motorgetriebene Boot in Deutschland muss durch einen Scheininhaber geführt werden. Was nun tun, wenn sich Urlauber nur für 14 Tage ein Boot, ein Hausboot vielleicht, mieten? Theoretisch dürften sie ohne Bootsführerschein nicht losfahren, praktisch wurde eine pfiffige Lösung gefunden: Nach kurzer Einweisung wird die Nutzung des Bootes zum Praktikum erklärt, danach kann der Jung-Kapitän die Prüfung machen (oder auch nicht).

In Meck-Pomm hat der Tourismus Zulauf. Seit 1997 sind die Übernachtungen um 80 Prozent gestiegen, von 2000 (18,3 Millionen) zu 2001 (19,8 Millionen) gab es einen Zuwachs von 8,3 Prozent. Seit der Wende wurden fünf Milliarden Euro in Touriusmus-Projekte investiert. „Mecklenburg tut gut“ heißt es, „aber wir wollen keine Travemündesierung an unserer Küste“.

Kontakte zu den Ostseeanliegerstaaten im Norden und Osten, zu Politikern, Künstlern und zur Wirtschaft und Wissenschaft ist die eine Seite der Arbeit dieser Landesvertretung, in der Anfang Juni ein rauschendes Frühlingsfest gefeiert wurde. Eine andere Seite zeigt das Musische. Kürzlich präsentierte der Usedomer Maler Oskar Manigk seine großformatigen Gemälde im Haus; Kanzler Schröder kam zur Vernissage, weil ihm die „von tiefer Subjektivität und Unangepasstheit geprägte Kunst“ des 67-Jährigen gefällt. Hier wurde das über fünf Hansestädte reichende Ausstellungsprojekt „Gebrannte Größe – Wege zur Backsteingotik“ vorgestellt. Und hier wird das Zentrum eines Jazz-Festes sein, mit dem die Ländervertretungen am 3. Oktober die Ministergärten zum Swingen bringen.

Jazz ist ein Hobby von Tilo Braune – seit 22 Jahren organisiert und inspiriert der Staatssekretär die Eldenaer Jazztage mit der Elite der norddeutschen Jazzszene. Vom „Nord Cut 2000“ entstand eine CD, und der Klappentext gibt Jazzer Braune wieder Gelegenheit, für die stürmische Entwicklung in seinem Lande eine Lanze zu brechen: „Mecklenburg-Vorpommern ist wohl das am meisten unterschätzte Bundesland“, schreibt er, „oder wer verbindet biotechnologische Spitzenleistungen, die modernsten Werften Europas oder Hochschulen mit unserem Land? Und dann noch Jazz?“ Dieses Alt und Neu ist der Reiz des grünen Landes am Meer, und ein bisschen Ostseeluft durchweht durchaus das Haus In den Ministergärten Nr. 3.

SERIE (5): LÄNDERVERTRETUNGEN IN BERLIN

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