Berlin : Pflichtfach Religion: Rot-Rot nähert sich an

SPD-Fraktionschef Müller will verpflichtenden Unterricht einführen. Die PDS ist kompromissbereit. Die Kirchen sind begeistert, die Muslime nicht

Claudia Keller,Ulrich Zawatka-Gerlach

Der Vorschlag von SPD-Fraktions- und Landeschef Michael Müller, an den Berliner Schulen bis 2006 einen verpflichtenden Religionsunterricht für alle einzurichten, stößt beim Koalitionspartner PDS auf vorsichtige Zustimmung. Wenn sich die Vorstände beider Regierungsfraktionen am Mittwoch treffen, wird auch über das Thema „Werteunterricht“ diskutiert. „Ein bekenntnisfreier Unterricht, der die strikte Trennung von Staat und Kirche beachtet, wäre bei uns wohl mehrheitsfähig“, sagte die Vize-Fraktionschefin der PDS, Carola Freundl, dem Tagesspiegel. „Wir sind dem gegenüber aufgeschlossen.“ Das Thema sei allerdings sehr kompliziert.

Wie berichtet, will Müller „neuen Schwung“ in die Debatte bringen und rechnet mit der Unterstützung von Schulen und Eltern, Religionsgemeinschaften, Parteien und Migrantenorganisationen. Auch die Muslime müssten in einen Schulunterricht einbezogen werden, „den man Religionskunde, Ethik, Philosophie oder wie auch immer nennen kann“. Da möchte sich der SPD-Politiker nicht festlegen. Genau dies bemängelt die PDS-Abgeordnete Freundl. „Ohne ein brauchbares Konzept bleibt Müllers Idee ein frommer Wunsch.“ In jedem Fall müsse verhindert werden, dass es am Ende ein unbezahlbar teures Doppelangebot gebe: die neue Religions- oder Lebenskunde als obligatorisches Schulfach und den konfessionellen Religionsunterricht. Freundl regte an, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, um über das Thema neu zu diskutieren.

Das Erstarken der Islamischen Föderation mit ihren über 4000 Schülern hat offenbar neue Bewegung in die Diskussion gebracht. Die Evangelische und die Katholische Kirche, Schulleiter und Eltern freuen sich über Müllers Vorschlag. Die Föderation selbst und auch der Humanistische Verband, der Lebenskunde unterrichtet, lehnen den Vorstoß allerdings ab. „Wir sehen in der Initiative Michael Müllers unser seit langem ausgesprochenes Votum für Religion als Wahlpflichtfach aufgenommen“, sagte der Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber. Der Staat müsse Träger des Religionsunterrichts werden , die Schulen Organisation und Räume stellen, die Kirchen die Inhalte des Unterrichts bestimmen.

Wie die Protestanten sehen auch die Katholiken die beste Lösung in einer verpflichtenden Fächergruppe, in der Schüler zwischen Religion (Christliche Konfessionen, Islam, Judentum), Philosophie und Ethik wählen können. „Aber es ist entscheidend, wie man das Fach nennt“, sagt Bistumssprecher Stefan Förner. Mit LER wie in Brandenburg wären die Katholiken nicht einverstanden. „Wir müssen erst unseren eigenen christlichen Standpunkt kennen, um auf andere Religionen zugehen zu können.“ Burhan Kesici von der Islamischen Föderation findet „die Situation, die wir jetzt haben, die beste“. Denn die Religionsgemeinschaften können den Unterricht nach ihren eigenen Vorstellungen ausrichten. Berlin sei noch nicht bereit für einen ernst gemeinten religiösen Dialog im staatlichen Unterricht. Auch der Humanistische Verband findet das gegenwärtige Modell am besten. „Eltern sollen selbst über die Werteerziehung ihrer Kinder entscheiden“, heißt es dort. „Weltanschauung kann man nicht verordnen.“

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