Berlin : Platt gemacht

Cord Woywodt und Andreas Seidel setzen dem normierten DDR-Wohnungsbau ein Denkmal aus Papier

Steffi Bey

So platt war die Platte noch nie, auch nicht so handlich und so biegsam. Da ist von Giebel- und Winkelsegmenten die Rede, von Dachaufsätzen und Doppelobjekten. Und alles auf ein paar Bögen Pappe. Eine Platte zum Falten eben – oder wie die beiden Erfinder des ungewöhnlichen Bastelbogens es nennen: die „Faltplatte“.

Architekt Cord Woywodt und Landschaftsplaner Andreas Seidel haben die Miniaturplatte kreiert. „Wer will, kann sich jetzt seine eigene Platte falten“, freut sich der 38-jährige Woywodt. Aber wer will das schon? Bestimmt niemand, der in den oft gescholtenen Wohnungen lebt. Stattdessen interessieren sich Grafiker, Architekten, Stadtplaner und vor allem Touristen für die Bastelbögen, die zum diesjährigen Tag der Deutschen Einheit auf dem Markt gekommen sind. Von den 1000 gedruckten Exemplaren der ersten Auflage ist schon die Hälfte verkauft. Ungefähr eineinhalb Stunden braucht man, sagt Woywodt, um sich eine Wohnschlange aus sechs einzelnen Gebäuden zu basteln. Die Serie umfasst den in der DDR am häufigsten gebauten Plattentyp WBS 70 mit elf Etagen und ein Doppelhochhaus mit 18 und 21 Geschossen. „Es sind die bekanntesten Vertreter dieser Bauweise“, erklärt der Architekt. Die Idee für die gedruckten Bögen mit den eintönig, bräunlichen Fassaden entstand mehr oder weniger zufällig.

Seit Jahren verfolgen Seidel und Woywodt die Diskussionen zum Umgang mit DDR-Plattenbauten. Aber beide finden das, was inzwischen aus den Betonsilos geworden ist, „nicht gerade optimal“, formuliert Cord Woywodt vorsichtig. „Meistens wurden die Gebäude übertüncht, sozusagen abgedeckt und verpackt“, sagt der Architekt. Aus seiner Sicht sollte nach einer Sanierung auch noch die besondere Struktur eines Hauses erkennbar sein. Mit ihren Bastelbögen wollen sich die beiden jungen Männer jetzt einmischen. „Vielleicht entdeckt der eine oder andere Fachmann auf spielerische Weise ganz neue Aspekte im Umgang mit diesen Bauwerken“, hofft Andreas Seidel. Woywodt will die Platte mit dem Bastelbogen auch als „ein Stück deutscher Kultur“ am Leben erhalten.

Ein halbes Jahr lang hat es gedauert, bis die mehr als 30 Meter hohen Bauten im Maßstab 1:400 auf Papier gebracht waren. Immer wieder wurden Faltwinkel und Module verändert. Fasziniert sind die beiden Tüftler von der „herausragenden Präsenz dieser Bauwerke“. Als Vorbild diente ein Stadtviertel in Marzahn an der Kienbergstraße. Sie haben sich für die unsanierte Variante entschieden, um das Ursprüngliche zu zeigen.

Ganz nebenbei erhoffen sich Seidel und Woywodt von ihren originellen Blöcken neue Aufträge. Bislang war der Architekt mit der Sanierung von Altbauten beschäftigt, könnte sich aber auch ein Plattenbau-Projekt vorstellen. Ein paar Bastelbögen stapeln sich übrigens in der Wohnungsbaugesellschaft Marzahn. Die Sprecherin des Unternehmens, Erika Kröber, hält die Pappvorlagen für eine lustige Idee. „Wir werden sie Geldgebern von außerhalb schenken, die wenig Vorstellung von der Platte haben.“

Seidel und Woywodt entwickeln bereits die nächste „Faltplatte“ zur Marktreife. Mehr wollen sie aber noch nicht verraten. Eine Mini-Plattenbaulandschaft mit mehreren Wohngebäuden und einer Kaufhalle ist schon jetzt im Fenster ihrer Büros in Prenzlauer Berg zu sehen. Die „Faltplatte“ gibt es in Buch- und Geschenkeläden.

Weitere Informationen im Internet: www.faltplatte.de .

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