Plattenladen "Dodo Beach" in Schöneberg : Aus Liebe zur Musik

Er ist Millionär und zog bereits mit Kurt Cobain um die Häuser. Jetzt verkauft der Geschäftsführer von Trinity Music, Thomas Spindler, Schallplatten in Schöneberg – einfach aus Liebe.

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Zum Spaß zur Arbeit. Thomas Spindler, Geschäftsführer von Trinity Music, hat die Arbeit in seinem Laden „Dodo Beach“ eigentlich nicht nötig.
Zum Spaß zur Arbeit. Thomas Spindler, Geschäftsführer von Trinity Music, hat die Arbeit in seinem Laden „Dodo Beach“ eigentlich...Foto: Thilo Rückeis

Selbst an einem so hippen Ort wie einem Berliner Plattenladen, will man meinen, steht ein Verkäufer hinter der Ladenkasse vor allem, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Thomas Spindler, 52, allerdings lehnt lässig am Kassentresen seines frisch eröffneten Ladens „Dodo Beach“ in der Schöneberger Vorbergstraße zwischen Vinyl-Schätzchen aus aller Welt und sagt: „Psst! Ich bin eigentlich nur zum Spaß hier.“

Spindler ist Geschäftsführer der Veranstaltungsfirma „Trinity Music“. Tatsächlich hätte er da Besseres zu tun, als Strichcodes verstaubter LPs über den Warenscanner zu ziehen: Seine Firma veranstaltet jedes Jahr etwa 600 Konzerte in Berlin, sie prägt die Berliner Kulturlandschaft wie kaum eine andere. Er betreibt das Huxley's neue Welt, die Zitadelle Spandau, den C-Club und das Crystal. Millionär ist er längst. Warum also will jemand wie Spindler wieder Verkäufer sein?

Die Antwort versteht, wer sich mit ihm auf ein Bier im Café Morsh direkt neben seinem Laden trifft und ihm zuhört, wenn er über Musik spricht wie über eine Geliebte: „Ich vergöttere sie, ich würde für sie sterben“, sagt er, „ich wollte mich ihr einfach wieder mehr widmen.“ Im Plattenverkaufen hat er auf jeden Fall schon mal Erfahrung: Anfang der 80er Jahre lockte sein Schallplattenladen „Screen“ Berliner Vinyl-Sammler nach Schöneberg. Aber schnell begann damals der Siegeszug der CD, er musste den Laden dichtmachen. 1998 kam dann Trinity Music – und für seine wahre Liebe Musik blieb kaum mehr Zeit. Mit dem „Dodo Beach“ will er nun zu seinen Wurzeln zurückkehren.

Seit einem Monat ist der Laden jetzt geöffnet. Ein riesiger gemalter Mond ziert dort die Wand, darunter warten die Schallplatten in vielversprechenden Kategorien wie „Second Hand American Garage Rock“ oder „Old School Hip Hop“ auf Käufer. Wer in den Plattenbergen stöbert, merkt: Die LP, das ist kein Nischen-Hype und mitnichten so ausgestorben, wie der Dodo-Vogel im Namen des Ladens das suggerieren mag. Denn zahlreiche brandneue Alben finden sich unter den viereckigen Stapeln.

Die Platte ist offenbar zurück aus der Mottenkiste. Fast jedes neue Album wird dieser Tage wieder auch als große runde Scheibe veröffentlicht. Seit nunmehr sieben Jahren dauert das Vinyl-Revival in der westlichen Welt an. Zwar machen laut dem Bundesverband der Musikindustrie Plattenverkäufe in Deutschland nur 1,4 Prozent am gesamten Musikumsatz aus. Doch 2012 kletterte der Absatz um 40 Prozent auf fast 20 Millionen Euro – Umsatzsteigerungen, die mit CDs schon lange nicht mehr erzielt werden.

Dass das „Dodo Beach“ sich nun in den größer werdenden Kreis der Berliner Plattenläden einreiht, passt also zu den Zeichen der Zeit. Doch ist das Comeback der Platte letzten Endes einfach eine weitere Ausformung des Retro-Trends, der alles Angestaubte wahllos zum Kultobjekt stilisiert? Stellen sich die Leute im Jahr 2030 CD-Ständer ins Zimmer, um hip zu sein? „Glaube ich nicht“, meint Spindler. Er sieht die Besonderheit der Platte im sinnlicheren Hörerlebnis: „Die Leute wollen nach den ganzen Downloads und der Datensammelwut einfach wieder Musik zum Anfassen“, sagt er. Das Revival habe seinen Grund, denn Plattencover seien immer kleine Kunstwerke. LPs versprechen für ihn mehr Genuss.

Spindler versucht nun, sich zumindest jeden Freitag Zeit zu nehmen, um höchstpersönlich im „Dodo Beach“ an der Kasse zu stehen. Wenn man will, kann man ihn dann eine Menge fragen – zum Beispiel nach den alten Geschichten, wie er sich mit Kurt Cobain die Nächte um die Ohren geschlagen hat.

Wenn er da ist, sollten Besucher allerdings auch auf der Hut sein: So mancher Kunde ist dann schon mit ganz anderen Platten unter dem Arm nach Hause gelaufen als geplant. Es bereitet ihm Freude, die Leute von ihren gewohnten musikalischen Pfaden abzubringen: „Eine Frau wollte heute was von Sigur Rós kaufen, aber ich hab einfach gesagt: ,vergiss Sigur Rós!’ Und hab ihr eine Platte der Band Illuminatas angedreht“, sagt er strahlend. „Von der gibt es nur 500 Stück.“

Für sein Ziel, der Musik wieder näher zu kommen, war es ein guter Tag: Er hat seine Begeisterung teilen können, hat jemandem diese eine, ganz besondere Scheibe ans Herz legen können.

Vielleicht kommt das „Dodo Beach“ gerade wegen dieser unorthodoxen Beratung bei den Berliner Vinyl-Liebhabern bereits ganz gut an. Sie gehen hinein mit festen Vorstellungen – und verlieren sich heillos im Plattenwald. Oder am Dodo-Strand? Am Ende lehrt ein Besuch im „Dodo“ zwei Dinge: Das Vinyl ist lebendig wie nie, ganz besonders in Schöneberg. Und die CD? Die kommt aus einem anderen Jahrhundert.

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