Pöbeleien auf dem Spielplatz : Nicht vor den Kindern!

Üble Pöbeleien gehören in Berlin zum alltäglichen Umgangston – auch junge Ohren sind davor nicht sicher. Aber wenn Sechsjährige einander in Gossensprache beschimpfen, dürfen Erwachsene nicht weghören.

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Auch Worte können verletzen. Wenn Kinder einander in härtester Sprache beschimpfen, sollten Erwachsene eingreifen.
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Meine Tochter Greta und ihr Freund Anton, der bei uns im Haus wohnt, waren auf dem Spielplatz, zusammen mit Antons Mutter. Von dort bringen die beiden Sechsjährigen eine Geschichte aus dem rauen Berliner Alltag mit.

Zwischen Klettergerüst und Schaukeln haben sie sich mit Gleichaltrigen gemessen. „Anton und ich haben gespielt, dann haben die anderen, ein paar Jungs, zu uns gesagt: Ihr seid ja noch Babys“, berichtet Greta. „Und was habt ihr gesagt?“, frage ich. „Na ja, ich habe gesagt: Wenn ihr schon so groß seid, dann sagt doch mal, was macht sechs mal sechs? Wussten die aber nicht“, sagt Greta. „Und dann haben die zu uns ganz schlimme Wörter gesagt“, springt Anton ihr bei. Die beiden wollen zuerst nicht damit herausrücken, sie drucksen herum und stupsen sich gegenseitig an: Wer traut sich jetzt, das zu zitieren? Schließlich erklärt sich Greta bereit, will es mir aber nur flüstern. Ich neige ihr mein Ohr zu: „Fick deine Mutter, haben sie gesagt und: Fickt eure Familie!“

Man hört ja allerhand unter Niveau auf Berlins Straßen, Wortmüll übelster Sorte und alle Körperöffnungen betreffend, aber aus dem Mund meiner sechsjährigen Tochter, geflüstert mit Kinderstimme, klingt das Echo der Straße doppelt gruselig und beängstigend für einen Vater.

„Was hat denn deine Mutter dazu gesagt?“, will ich von Anton wissen. „Nichts“, sagt er, „sie war gerade am Telefonieren, als es passiert ist. Danach haben wir es ihr sofort erzählt. Aber sie hat uns nicht geglaubt. Der Junge, der das gesagt hat, war früher in meiner Kita. Seine Mutter war auch auf dem Spielplatz. Meine Mama meinte: Die sind doch eigentlich ganz nett.“

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Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

Ich fasse es nicht. Sind denn inzwischen alle Toleranzgrenzen gesprengt? Noch am selben Abend frage ich meine Nachbarin, was da los war. Sie sagt, sie habe das nicht direkt mitbekommen, und als ihr die Kinder davon erzählt hätten, wollte sie deshalb nicht gleich offensiv werden. Es sei ihr auch etwas unangenehm gewesen, daraus ein großes Ding zu machen.

Falsche Toleranz lässt noch die härtesten Kraftausdrücke als Ausdruck weltstädtischer Pluralität durchgehen

Das kann ich verstehen. Es wäre mir auch unangenehm gewesen. Aber wenn Sechsjährige so reden, ist das für mich schon ein ausreichend großes Ding, das kein Erwachsener ignorieren kann – und ein Erziehungsberechtigter schon gar nicht. Herrje, das heißt doch nicht, dass ich mir die Adenauer-Ära zurückwünsche, als jeder Herr mit Hut und Stock ungestraft Ohrfeigen verteilen durfte. Aber ich meine, Kinder haben einen besonderen Anspruch auf unseren Schutz. Und sie haben ein Recht auf Erziehung. Das ist keine Frage des Mutes.

Im Kern geht es um Respekt und Verantwortung, um eine zivilisierte Haltung. Es geht um Regeln des friedlichen Zusammenlebens, um Werte. Es sind Werte, die besonders in einer Großstadt wie Berlin ständig bedroht sind, und zwar durch das Verhalten von Erwachsenen: Der alltägliche Stress, die gereizte Stimmung, die sozialen Spannungen provozieren unsere Abwehrreflexe. Es entsteht eine gefährliche Ignoranz, die Neigung, lieber nicht so genau hinzuhören. Kinder dagegen hören genau hin.

Vielen scheint das in dieser Stadt völlig egal zu sein. Überall wird munter geflucht, beleidigt, diskriminiert. Wann haben Sie das letzte Mal höflich gefragt: „Könnten Sie bitte vor den Kindern auf Ihre Wortwahl achten?“

Dass wir diese Mühe nicht mehr für wert erachten, kann nicht nur an Bequemlichkeit liegen, an einer verbreiteten Scheu vor der Konfrontation. Ich habe den Verdacht, es ist viel schlimmer: Es gibt in dieser Stadt eine Tendenz zur Nichteinmischung, begründet von falscher Toleranz, die noch die übelste Pöbelei als Ausdruck weltstädtischer Pluralität durchgehen lässt. Wir kümmern uns nicht, weil uns die verbindenden Werte unserer Gesellschaft nicht mehr kümmern.

Aber wenn jeder alles widerspruchslos hinnimmt, braucht sich niemand zu wundern, wenn er von Halbwüchsigen in der U-Bahn verprügelt wird – ohne dass jemand Einspruch erhebt, geschweige denn hilft.

Dieser Beitrag ist als Rant in unserer Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen.

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