Polit-Satire in Berlin : Kabarette sich, wer kann

Truppen-Uschi, Hitler, BER: In der Distel und bei den Stachelschweinen übt die Polit-Satire den Spagat zwischen Tradition und Erneuerung. Das kann mitunter scherzhaft sein.

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Dagmar Jaeger, seit 1989 im Ensemble der Distel, sagt: "Kabarett muss heute direkter sein."
Dagmar Jaeger, seit 1989 im Ensemble der Distel, sagt: "Kabarett muss heute direkter sein."Foto: Alice Epp

Das Kabarett ist tot!
Was tun wir hier im Totenhaus
beim Leichenschmaus?
Georg Kreisler

Das Kabarett war nie töter
als jeden Tag in den letzten hundert Jahren.
Mathias Richling

Es heißt, das Kabarett sei tot. Vorbei, nicht mehr zeitgemäß, das Verfallsdatum lange überschritten, deshalb ungenießbar. Es heißt, das Kabarett, es habe sich, auch eine Kunst, selbst zu Grabe getragen. Totgelacht. Ein Bericht über das politische Kabarett muss deshalb immer gleich ein Nachruf sein. Aber stimmt das wirklich?

Wenn das Kabarett tot ist, was passiert dann jeden Abend in der Distel, ehemaliges Ost-Berlin, und im alten Westen bei den Stachelschweinen, wo das Ensemble-Kabarett, diese Sonderform der auf die Bühne gestellten Satire, nach wie vor seine Orte hat, an denen es atmen kann, kein bisschen leise. Die Menschen, sie füllen die Säle ja nicht allein aus morbidem Voyeurismus, für die Totenmesse mit Sektflöte, sie kommen, weil da zwei Berliner Institutionen überdauert haben, in der eigenen Geschichte konserviert.

Erst einmal aber hat das Kabarett an diesem Montagmorgen ein Problem. Im Theatersaal der Distel probt das Ensemble die Wiederaufnahme des Jubiläumsprogramms „Endlich Visionen“.

Es ist das Erfolgsstück des vergangenen Jahres. Nun sind seitdem ein paar Monate in die politische Landschaft gegangen, und deshalb stehen dort auf der Bühne, im Rücken eine große goldene 60, vier Männer und zwei Frauen, die Schauspieler des Hauses, und wissen nicht so recht, wie es gleich weitergehen soll.

Die Musik stoppt, die Schrittfolge stoppt und die Gesichter stoppen auch. Die Distel, der Stachel am Regierungssitz, er sticht noch nicht wieder richtig. Die Taktlosen, sie sind aus dem Takt geraten.

Weil die WM in Brasilien vorbei ist, weil die FDP vorbei ist, vor allem aber, weil auch Klaus Wowereit bald vorbei sein wird. Und nun ganze Textstellen umgedichtet, in die Vergangenheit gesetzt oder gestrichen werden müssen.

Piek mich, aber tu mir nicht weh. Die Distel im Admiralspalast besteht seit 1953.
Piek mich, aber tu mir nicht weh. Die Distel im Admiralspalast besteht seit 1953.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Was sagen wir jetzt, Herr Bürgermeister, der Regierende? Alles Müller, oder was?

Klaus Wowereit tritt zurück und im Kabarett steht die Ratlosigkeit mit auf der Bühne.

Sie bekommen es dann aber hin. Dehnen die Silben ein wenig und lassen den Wowereit einfach drin, wo er nicht zu ersetzen ist.

Der Rest funktioniert wie gewohnt. Die Szenen, ein Dutzend Sketche, dazwischen Revuenummern mit Tanz und Gesang, mal ein Rap, eine Rede, eine Talkshowrunde. Einmal stehen zwei Soldaten und ein Vorgesetzter im Feld. Der eine spricht Sachsenanhaltinisch, der andere Rheinisch, der Vorgesetzte Stakkato. Sie testen die neue Drohne der Bundeswehr, Uschi III. Den Flugkörper zur Verteidigungsministerin, der schon am TÜV Rheinland gescheitert ist.

Am Ende bleibt nur der Schrott.

"Kabarett muss heute direkter sein"

Später dann sitzt eine mittlerweile 100-jährige Angela Merkel einem 80-jährigen Günther Jauch gegenüber, der sich zitternd auf einen Stock stützen muss. Merkel, die nicht mehr gut hört, lebt jetzt in einer WG mit Helmut Kohl, dem es blendend geht, so lange niemand die Kühlkette unterbricht. Am Ende verabschiedet sich Merkel bei Jauch mit den Worten: Vielen Dank, Herr Bundespräsident. Und beide singen ein Lied.

Kabarett, sagt Dagmar Jaeger nach der Vorstellung in einem Raum neben der Bühne, muss heute direkter sein. Früher, da haben die Leute auch reagiert, ohne dass du etwas genauer benannt hast.

Die Schauspielerin, Ost-Berliner Mädchen, kam 1989 zur Distel, angespült in den wirren Monaten, in denen sich ihr Land auflöste. Wenn Dagmar Jaeger also „früher“ sagt, meint sie auch immer die DDR. Eine Heimat, die Jaeger immer zu klein war, kein Land, eine Zumutung, aber trotzdem immer ein Teil von ihr sein wird. Kannste nüscht machen.

Weil man ohne die DDR weder die Distel noch Jaegers Biografie verstehen kann.

Sie ist damals aus Karl-Marx-Stadt zurückgekommen, wo sie 13 Jahre Theater spielte. Gemeinsam mit Ulrich Mühe und Michael Gwisdek. Eine Wahnsinnstruppe, sagt Jaeger, man spürt, dass sie das genossen haben muss, zu einer Familie zu gehören, die im Wahnsinn zu Hause war.

Mühe und sie sind irgendwann nach Berlin, haben am Berliner Ensemble vorgesprochen. Hörte sich alles gut an, große Zukunft in einem nun nicht mehr kleinen Land.

Mühe ist dann ans Deutsche Theater, sagt Jaeger, und ich wurde schwanger. So einfach ist das.

Junge Schauspielerin, Mutter. Da musste von irgendwatt leben. Die Distel, das Kabarett, es war ein Weg, die Kinder durchzubringen. Nur kurz, übergangsweise.

Wir haben mit der Wiedervereinigung nicht gerechnet, sagt Jaeger, das war dann alles sehr verrückt. Sie standen auf der Bühne und sind der Zeit hinterhergehechelt. Und Dagmar Jaeger tanzte die Veränderungen nach, die sie selbst erst begreifen musste.

Sie war nie Kabarettistin, ist es auch heute noch nicht. Sie ist eine Schauspielerin, die kabarettistische Texte spricht. Texte, die von anderen, von Autoren geschrieben werden. Ihre Kunst besteht darin, Meinung zu spielen und dabei in eine Rolle zu schlüpfen, ohne dass es am Ende aussieht wie eine Rolle. Dagmar Jaeger muss auch immer Dagmar Jaeger sein. Weil das Publikum es spürt, wenn die Wahrhaftigkeit in der Maske geblieben ist.

Es gibt in Deutschland nicht viele gute Kabarett-Schauspieler.

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