Berlin : Polizisten mußten Kollegen "freikämpfen"

WERNER SCHMIDT

BERLIN .Trotz der Ausschreitungen in Kreuzberg ist für Innensenator Eckart Werthebach das Einsatzkonzept der Polizei zum 1.Mai "in weiten Teilen" aufgegangen.Während der abendlichen Krawalle in Kreuzberg im Anschluß an eine sogenannte Revolutionäre 1.Mai-Demonstration waren bei den mehrstündigen Ausschreitungen insgesamt über 300 Personen, davon 160 Polizeibeamte, verletzt und 133 Randalierer vorwiegend deutscher Herkunft festgenommen worden.Fensterscheiben gingen zu Bruch und Autos wurden beschädigt.Die Höhe des entstandenen Sachschadens war gestern noch nicht annähernd abzusehen.



Erstmals seit zehn Jahren - in der Nacht vom 1.auf den 2.Mai 1989 wüteten die bisher schlimmsten Straßenschlachten in Kreuzberg - hat ein Polizist einen Kollegen angezeigt, der offenbar bei dem Einsatz überreagierte.Ein bisher nicht identifizierter Beamter habe einer weglaufenden Frau einen Holzknüppel so heftig auf den Kopf geschlagen, daß der Schlagstock zerbrochen sei, worauf ein Polizeimeister Anzeige erstattete, sagte Landesschutzpolizeidirektor Gernot Piestert.

Nach eigenen Beobachtungen schienen die Beamten Sonnabend nacht ungewohnt aggressiv.So knüppelten Beamte am Kottbusser Damm auf Demonstranten ein, die sich lediglich schützend an den Lautsprecherwagen des Veranstalters drückten, und traten auf zwei am Boden liegende Menschen ein - aber nicht, um deren Widerstand gegen die Festnahme zu brechen.Nach den Schlägen und Tritten eilten die Beamten weiter den Kottbusser Damm in Richtung Norden entlang.

"Wir haben uns lange zurückgehalten und gewartet, bis es nicht mehr anders ging", sagte Piestert gestern.Die Angriffe seien dann aber so heftig gewesen, daß einzelne Polizeieinheiten "regelrecht freigekämpft werden" mußten.Anders als in den Vorjahren wurden diesmal sogar Verkehrsposten angegriffen.Eine Beamtin, die zur Verkehrsregelung eingesetzt war, wurde durch einen Stein im Gesicht getroffen.Ein weiterer Beamter erlitt einen Bänderriß, ein dritter einen Schlüsselbeinbruch.Insgesamt wurden 160 Beamte verletzt.

Die "Antifaschistische Aktion Berlin" teilte gestern mit, es habe auf Seiten der "DemonstrantInnen" mindestens 200 Verletzte gegeben.Sie sieht den Grund für die Auseinadersetzungen in Übergriffen der Polizei, die "willkürlich und ohne Ankündigung Tränengas in die Menge geschossen" habe.

Polizeipräsident Hagen Saberschinsky sagte, es habe unter dem harten Kern der Demonstrationsteilnehmer von Anfang an Aggressivität geherrscht, sie hätten "Randale machen" wollen.Vom Lautsprecherwagen des Veranstalters sei bereits während des Demonstrationszuges zu Gewalttaten aufgerufen worden.

Trotz der zahlreichen Verletzten auf beiden Seiten und der hohen Sachschäden sind die Ausschreitungen, verglichen mit den Vorjahren, "relativ glimpflich abgelaufen", sagte Werthebach gestern in einer ersten Bilanz.Es sei auch nicht erwartet worden, den "harten Kern" mit der Anti-Gewalt- und Aufklärungskampagne der Polizei zu erreichen, die man vor den Mai-Kundgebungen in Kreuzberg gestartet hatte.

Man habe versucht, das Umfeld und die Mitläufer anzusprechen.In Kreuzberg waren über 40 sogenannte Kommunikationsbeamte in normaler Uniform unterwegs, die versuchten, schlichtend zu wirken und bereits im Vorfeld bei Gesprächen Aggressionen abzubauen.Häufig stießen die Beamten auf Ablehnung.

Ein junger Mann hatte sich beispielsweise daran gestört, daß seiner Ansicht nach der Anti-Gewalt-Gedanke und die Dienstpistole des Beamten nicht zusammenpaßten.Eine Frau soll in Anspielung auf die Uniform gesagt haben: "Pah - Antigewalt, aber ein Outfit wie ein Soldat."

Dennoch will Werthebach an der Anti-Gewalt-Kampagne festhalten, denn "im Grundsatz ist der Gedanke richtig."

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