Porträt : „Ich bin ein Wintermensch“

Im Geist des Großvaters: Respekt vor den Nachbarn ist dem israelischen Botschafter Yoram Ben-Zeev besonders wichtig. Seit zehn Monaten ist der Diplomat in Berlin.

Elisabeth Binder
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Israels Botaschafter Yoram Ben-Zeev. -Foto: dpa

BerlinAuf dem Nachttisch haben neben wechselnder aktueller Lektüre zwei Werke einen Stammplatz. Der brave Soldat Schwejk und ein schmaler Band mit Psalmen. Der israelische Botschafter Yoram Ben-Zeev hat den größeren Teil seiner diplomatischen Karriere dem Friedensprozess im Nahen Osten gewidmet. Am Schwejk fasziniert ihn der satirische Umgang mit Krieg. Er muss immer wieder lachen, wenn er darin liest, aber es ist ein ernstes Lachen, voller Sympathie für den aus Behördensicht vermeintlichen Idioten, der in Wirklichkeit keiner ist.

Seit zehn Monaten ist der 64-Jährige in Berlin. Dass die Wahl auf ihn fiel, war eine Überraschung. Eigentlich galt er als Nordamerika-Experte, hat an der UCLA studiert und mehr als zehn Jahre seines Lebens in den USA verbracht. Das Land betrachtet er als zweite Heimat. Von 1993 bis 1995 war er an den Friedensverhandlungen beteiligt, auch 2000 am Gipfeltreffen in Camp David.

Der Charme einer von innen lächelnden Persönlichkeit

Sein Talent als Friedensvermittler zeigt sich auch auf dem neuen Posten in vielfältiger Weise. Der Charme einer von innen lächelnden Persönlichkeit ist sicher nützlich, wenn es darum geht, ein gutes, versöhnliches Klima zu schaffen, egal wo. Das Vermächtnis des geliebten Großvaters, der gestorben ist, als Ben-Zeev noch ein kleiner Junge war, gehört dazu. „Er war ein orthodoxer Jude, aber moderat. Und sehr offen. Er hatte Respekt vor den Nachbarn, vor Muslimen und Christen“, sagt er. Diese Offenheit ist für ihn noch heute vorbildlich.

Ben-Zeev selbst bezeichnet sich als weltlichen Juden. Er ist in eine Religion hineingeboren, „aber ich praktiziere sie nicht.“ Wie der Großvater empfindet er allerdings großen Respekt vor allen Religionen. Besonders die Werte beschäftigen ihn. Ob die biblischen Propheten wirklich gelebt haben oder nicht, ist für ihn nicht so wichtig wie die Werte, die sie lehren. Und ganz besonders wichtig ist ihm, wie man diese Werte lebt.

Plötzlich verschmolz die israelische Flagge dem Brandenburger Tor

Manchmal hat er blitzartige Eingebungen, die ihn Zusammenhänge verstehen lassen. Das war so, nachdem er im Schloss Bellevue beim Bundespräsidenten sein Beglaubigungsschreiben als Botschafter übergeben hatte. Er war mit seinem Dienstwagen auf dem Weg zum Hotel Adlon, am Brandenburger Tor vorbei, saß hinten im Wagen. Und plötzlich verschmolz für einen Moment die israelische Flagge auf seinem Wagen mit dem symbolgeladenen Brandenburger Tor, und alles war da, was in den letzten 70 Jahren passiert ist, und auch das Überwältigende an der Tatsache, wie selbstverständlich es heute möglich ist, die Flagge und das Tor in einem Augen-Blick zu erleben.

Er sieht sich häufig in der Rolle des stillen Beobachters, studiert gerne die Natur, auch die menschliche. Letzteres geht besonders gut in Cafés, und er liebt es, verschiedene Cafés auszuprobieren, solche mit Touristen, die, wie er, Berlin ganz neu erfahren, solche mit jungen Leuten und andere mit älteren Menschen. Allerdings fährt er auch gern Rad, 30 oder 40 Kilometer am Stück.

„Kälte und Regen machen mir nichts aus“

Wenn er Ruhe braucht, „dann schließe ich mich ab, bleibe zu Hause, lese, treibe Sport.“ Laufen gehört zu seinen Lieblingssportarten, weil es die Konzentration fördert und etwas Kontemplatives hat. Aus Sicherheitsgründen läuft er in Berlin nur auf dem Band in seiner Residenz. In Israel läuft er am liebsten draußen im warmen Winter. „Ich bin ein Wintermensch“, sagt er. „Kälte und Regen machen mir nichts aus.“

Radikalismus macht ihm etwas aus, egal, wo er auftritt. „Was fühlst du?“, haben sie ihn gefragt, als Yitzhak Rabin 1995 von einem rechtsextremistischen jüdischen Studenten ermordet wurde, der große israelische Politiker, den er geliebt und bewundert hat. „Neben der Trauer“, erinnert er sich, „habe ich vor allem Scham gefühlt. Wie kann man so was tun im Namen heiliger Ziele?“

Der Tourismus ist  ein Seismograf für die Situation im Lande

Manchmal fliegt er von Donnerstag bis Sonntag nach Israel, auch seine Frau verbringt pro Monat eine Woche dort. Im Moment sind die Flugzeuge gepackt voll. Viele Israelis kommen nach Berlin, aber auch immer mehr Deutsche fliegen als Touristen nach Israel. Der Tourismus ist für ihn ein Seismograf für die Situation im Lande. Einer seiner Söhne lebt in San Diego, der andere Sohn und die Tochter, alle schon über 30, leben in Israel.

Yoram Ben-Zeev liebt das Ritual des gemeinsamen Abendessens am Freitag, wenn in der Familie jeder erzählt, was er in der Woche so erlebt hat. Er freut sich auf den Besuch seiner Enkelkinder und darauf, sie mit in den Zoo zu nehmen und ins Schwimmbad. Den Kontakt mit Kindern genießt er. Einfach zu denken wie die Kinder, das kann auch bei Friedensverhandlungen ganz wichtig sein. Oder wo sonst Diplomatie gefragt ist.

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