Praxisführer (Teil 3) : Wunderwerk aus Fleisch und Blut

Das Herz ist eine Pumpe, die immer arbeitet, ohne Pause, jahrzehntelang. Die größte Gefahr: Stress.

Hannes Heine
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Ein winziger Computer in der Brust soll dem Herz auf die Sprünge helfen. -Foto: dpa

Sauerstoff, Wasser, Hormone – alles lebenswichtig. Und deshalb muss davon überall im menschlichen Körper ausreichend verteilt werden. Eine Pumpe soll das ein Leben lang sicherstellen: Das Herz ist ein biologisches Wunderwerk, in einer Minute schlägt es etwa 70 Mal und pumpt das Blut einmal durch den gesamten Körper. Knapp 40 Millionen Kontraktionen im Jahr. Bei einem 70-Jährigen hat es im Schnitt drei Milliarden Schläge hinter sich.

Im Herz, so unser Weltbild, wohnt die Seele des Menschen. Wir haben offenes Herz, nehmen uns etwas zu Herzen, grüßen uns herzlich oder gelten als herzlos, wenn uns beim Anblick niedlicher Tierbabys nicht warm ums Herz wird.

Tatsächlich sitzt das Herz nicht grundlos gut geschützt vor Stößen und Verletzungen, etwas links von der Körpermitte hinter Brustbein und Rippen. Wird es verletzt besteht Lebensgefahr. Ein Stich ins Herz ist fast immer tödlich. Ein durchschnittliches Herz ist etwa faustgroß und wiegt rund 300 Gramm.

Für die Schläge, die niemals aussetzen dürfen, gibt es einen Dirigenten, der den Takt vorgibt: den Sinusknoten. Der Dirigent bekommt Befehle aus dem Gehirn und dem Nervensystem, das nicht willentlich beeinflussbar ist. Die elektrischen Impulse, die zum Herzschlag führen, entstehen jedoch im Herzen selbst, so dass selbst ein aus dem Körper herausgelöstes Herz weiter schlägt, solange genug Sauerstoff da ist. Über bestimmte Leitungsbahnen – wie Kabel in einem Elektrogerät – wird der Befehl des Sinusknotens in alle Bereiche des Herzens weitergeleitet. Die Herzkammern kontrahieren in einer bestimmten Reihenfolge.

Mit je zwei großen und zwei kleinen Kammern versorgt das Herz zwei Kreisläufe: Der kleinere, etwas weniger anstrengende ist der Lungenkreislauf. Das rechte Teilherz pumpt sauerstoffarmes, sogenanntes venöses Blut in die Lunge, wo es das mitgebrachte Kohlendioxid abgibt und frisch eingeatmetem Sauerstoff aufnimmt. Das linke Teilherz pumpt das sauerstoffreiche Blut, das von der Lunge kommt, in Kopf, Organe, Arme und Beine. Diese Hälfte ist deutlich größer.

Wer mit einem Stethoskop seinen Herzschlag sucht, wird bei genauem Hinhören feststellen, dass eigentlich zwei Töne zu hören sind. Reguliert wird der Blutfluss durch Herzklappen, die wie Ventile funktionieren. Im Wechsel füllen und leeren sich Vorhöfe und Herzkammern. Die Ströme, die dabei fließen, lassen sich an der Haut messen und mit einem Elektrokardiogramm – unter der Abkürzung EKG bekannt – am Bildschirm zeigen. Ein Arzt kann dadurch erkennen, ob ein Herz gesund ist, ob es gleichmäßig arbeitet. Wenn das Organ quasi stottert spricht man von Herz-Rhythmus-Störungen. Manchmal erkennt der Arzt auch zurückliegende Herzinfarkte.

Allerdings nicht immer. Auf einer EKG-Kurve sind allenfalls auffällige Infarkte erkennbar. Schon mittlere sind leicht zu übersehen: Um die Narben auf dem Herzmuskel, die der Infarkt hinterlässt, zu entdecken, brauchen Ärzte dann Ultraschall. Und geschätzte 15 Prozent der Infarkte werden zunächst nicht einmal von den Patienten selbst bemerkt, weil nur ein sehr kleiner Teil des Herzens betroffen ist. Dass ein solcher Miniinfarkt stattgefunden hat, könne man oft nur noch mit einem Kardio-Magnetresonanz-Tomografen sehen, sagt Christoph Tillmanns. „Doch ein unbemerkter Infarkt erhöht das Risiko auf künftige Infarkte – und diese können dann sehr gefährlich werden“, erklärt der Wilmersdorfer Spezialist (siehe auch unten und nebenstehenden Text).

Ausgerechnet diese mächtige Pumpe, die den Körper durch milliardenfaches Schlagen über Dekaden am Leben hält, ist durch so banale Dinge wie Lärm, Hektik und Seelenschmerz aus der Ruhe zu bringen. Stress sorgt dafür, dass der Herzmuskel schneller Blut durch den Körper pumpt. Das Herz kann seine Leistung von den üblichen fünf bis sechs Litern, die es pro Minute umwälzt, auf zwanzig Liter steigern, um Organe und Muskeln schneller mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Der Körper ist dann fluchtbereit. Umgekehrt wird bei Schlaf die Frequenz herabgesetzt. Steht jemand ständig unter Strom, gerät das präzise System von Impulsen durcheinander, das für den geregelten Ablauf des pumpenden Herzens sorgt. Unter Stressbedingungen werden viele Hormone ausgeschüttet. Zu viele, denn sie beeinflussen in den Muskelzellen den Stoffwechsel. Eine „Überhitzung“ der Muskelzellen droht, Rhythmusstörungen können entstehen.

Gelegentlich kommt es dann zu einem Effekt, den Wissenschaftler als „Broken-Heart-Syndrom“ – gebrochenes Herz – bezeichnen. Die Symptome sind zunächst ähnlich wie beim Herzinfarkt. Erst bei einer Katheteruntersuchung zeigt sich ein verkrampftes, verformtes Herz. Wissenschaftler vermuten, dass ein Schockerlebnis und die plötzliche Freisetzung von Stresshormonen so etwas wie eine Muskelstarre oder Herzmuskelversteifung auslösen – etwa bei einer plötzlichen Trennung vom Liebsten.

Wessen Herz nicht mehr zuverlässig pumpt, braucht Hilfe: Ein Herzschrittmacher, ein Minicomputer, gleicht fehlende Impulse aus. Die Scheibe, groß wie ein Zwei-Euro-Stück, wird auf dem darunterliegenden Muskelgewebe festgenäht. Die Batterie eines Schrittmachers funktioniert acht Jahre, dann wird das Aggregat ausgetauscht. In Deutschland leben rund 380 000 Menschen mit einem künstlichen Taktgeber. Hannes Heine

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