Berlin : Pressefreiheit für Katzen

Wolfram Siebeck

„Frau Hoffmann, die Brille, bitte“, sage ich mit schwacher Stimme. Ich bin krank. Und was braucht der Mensch vor allem? Er braucht eine Brille, damit er erkennt, wer sich mitfühlend um sein Sterbelager drängt. Frau Hoffmann, der mein kritischer Zustand nicht verborgen geblieben sein kann, da sie am Fußende meiner Matratzengruft liegt, zuckt nur kurz mit der Schwanzspitze. Die Brille liegt vor ihr auf dem Tisch. Doch das undankbare Luder denkt nicht daran, mir meinen letzten Wunsch zu erfüllen.

„Wir haben einen Fehler gemacht“, flüstere ich der Florence Nightingale ins Ohr, die sich gerade über mich beugt, um meinen letzten Atemzug nicht zu verpassen, „ein dressierter Pudel statt dieser faulen Katze würde seinem schwer kranken Herrn …“

„Du bist nicht schwer krank“, trompetet sie durch den Raum, „du bist erkältet. Schwer trifft auf dich nur zu, wenn du auf der Waage stehst oder schwer verkatert bist!“ Bei dem Wort verkatert erwacht die Katze aus ihrer Teilnahmslosigkeit. Sie springt vom Bett und postiert sich so hinter der Zimmertür, dass sie jeden Fremden gleich beim Schlafittchen hat, der es wagt, hier unangemeldet einzudringen. „Du bist wirklich nicht sehr gastfreundlich“, bemerke ich tadelnd und bereue meine Einmischung augenblicklich. Denn sie reagiert mit einer Schärfe, als stellte sie sich in Baden-Württemberg zur Wahl.

„So, ich bin nicht gastfreundlich? Soll ich etwa einen seitenlangen Fragebogen auslegen, den jeder stinkende Kater beantworten muss, bevor er eingelassen wird? Mit Fragen wie dieser: ,Finden Sie es richtig, dass Katzen den Katern bedingungslos gehorchen müssen? Und wenn sie nicht gehorchen, dürfen sie dann von den Katern geprügelt werden?‘ Oder diese Frage: ,Dürfen Jagdzeitschriften Abbildungen von Hunden drucken und sich auf die Pressefreiheit berufen?‘“ Das war für ihre Verhältnisse eine lange Rede. Jetzt ist sie etwas außer Atem und mir ist schwindelig; schließlich bin ich schwer krank. Trotzdem richte ich mich in den Kissen auf und beschwichtige sie.

„Lass nur. Ich pass’ schon auf.“

Da springt sie zu mir aufs Bett und sieht mir aus kürzester Entfernung ins Gesicht: „Ausgerechnet du! Willst du die Eindringlinge weghusten?“ Als sie merkt, dass mich ihre Aggressivität befremdet, stellt sie versöhnlich fest: „Aber dein Hustensaft riecht gut.“ Sie reibt schnurrend ihren Kopf an meinem Handrücken. So schnell lassen sich Aggressionen sonst nicht aus der Welt schaffen. Vielleicht hilft es, wenn wir alle Hustensaft trinken. Frei nach Lenin: Hustensaft ist Baldrian fürs Volk. Und wenn er nur auf Katzen wirkt, wär’ auch schon viel gewonnen. Niemand müsste mehr befürchten, von Frau Hoffmann eins auf die Nuss zu kriegen, sobald er eine fremde Tür öffnet.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gastrokritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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