Berlin : Preußische Seehandlung: "Wir fördern Bescheidenheit"

Thomas Loy

Die "Preußische Seehandlung" - ein Name von Rang und exotischem Reiz. Und irritierend. Nahm Preußens Gloria doch vor allem auf sandigen Heerwegen ihren Lauf. Die Preußische Seehandlung ist über und über vom Efeu der Jahrhunderte bedeckt - eine Kette von Metamorphosen rankt sich um ihren Namen, aber die urmächtige Tradition hat es bis heute geschafft, ihn zu erhalten. Es ist eben ein klangvoller Name. Er liefert Redestoff für Stunden. Wenn Walter Rasch, seit 1983 Vorstandsvorsitzender der "Stiftung Preußische Seehandlung", dazu die Zeit fehlt, kann er den Hintergrund auch schnell en passant so erklären: "Da wurde eine Bank liquidiert. Etwas Geld war übrig. Was machen wir damit? Gründen wir eine Stiftung." Voila!

Die etwas längere Kurzfassung geht so: Nach den schlesischen Kriegen sah Friedrich der Große auf sein Land herab und fand es zerrüttet und verarmt. Preußen war militärisch eine Großmacht, wirtschaftlich jedoch gerade mal Mittelmaß. Eine Wirtschaftsfördergesellschaft musste her, um mit eigener Flotte den Handel mit den Kolonialmächten Frankreich, Spanien und Portugal voranzubringen - "wo sich vernünftige und sichere Aussichten zu einem tüchtigen Gewinn von Aus- und Einfuhr für Unsere Staaten vorfinden möchten". Die Aktiengesellschaft, deren Mehrheitsanteil sich der König selbst vorbehielt, wurde 1772 unter dem Titel "Societé de Commerce maritime" gegründet und erhielt als Privileg das Monopol auf die Salzeinfuhr und Vorrechte beim Handel mit Wachs und Holz. Das brachte schon bald die Kaufmannschaften von Königsberg und Memel in Rage. Die Kritik an der staatlichen Einmischung in die freie Wirtschaft, am "schwerfälligen" Apparat, den "sorgloseren Beamten" und infolgedessen überteuerten Preisen sollte nicht mehr verstummen. Doch das Königshaus hielt immer seine schützende Hand über der Gesellschaft, auch wenn besonders in der Anfangszeit die Geschäfte nicht so recht florieren mochten und schon nach kurzer Zeit der erste Skandal das Haus erschütterte.

Friedrich Christoph von Goerne, Chef der Seehandlung seit 1775, hatte mit den Geldern des Unternehmens verschuldete polnische Landgüter erworben und großzügig Kredite ausgereicht. Angeblich strebte er die polnische Krone an. 1782 flog Goerne auf und wanderte für elf Jahre in die Festung Spandau. Anfang des 19. Jahrhunderts stieg die Seehandlung ins Bankgeschäft ein, vergab zinsgünstige Kredite an Unternehmer und beteiligte sich an Manufakturen. 1820 kam Christian Rother ans Ruder, "ein verrückter Kerl", sagt Rasch anerkennend. Rother besorgte dem König Anleihen aus dem Ausland und konsolidierte so die Staatsfinanzen. Er finanzierte Musterfabriken, förderte die Modernisierung im Müller- und Weberhandwerk und kümmerte sich auch um den Ausbau der Verkehrswege. 1848 hinterließ Christian Rother ein florierendes Handelshaus, eine Stiftung für unverheiratete Beamtentöchter, die als Rother-Stiftung noch heute ein Altenheim in Lichterfelde betreibt und einen "Verein zur Erziehung sittlich verwahrloster Kinder" - heute: "Schulstiftung Christian Rother". Die Seehandlung entwickelte sich immer mehr zum staatlichen Bankhaus, finanzierte für Bismarck die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71. Der Widerstand kam jetzt weniger aus der Wirtschaft, sondern dem Parlament. Die Abgeordneten monierten, mit Hilfe der Seehandlung umgehe die Regierung das parlamentarische Recht, die Staatsausgaben zu bewilligen. Ihre Kritik war berechtigt, Bismarck juckte sie kaum. 1904 wurde das einstige Handelshaus in "Königliche Seehandlung (Preußische Staatsbank) und 1918 in Preußische Staatsbank (Seehandlung) umbenannt.

Die Auflösung Preußens im Februar 1947 bedeutete auch das Ende der Seehandlung. Die Geschäfte übernahm die VEBA, die mit der Staatsbank eng verflochten war. Die Abwicklung und Liquidation dauerte bis 1983. Rechtsnachfolger der Seehandlung wurde die Berliner Pfandbriefbank - heute Berlin Hyp. Aus der Erbmasse gingen 19 Millionen Mark an die neu gegründete Stiftung. Dem Phänomen Preußen fühlt sich der Stiftungsrat natürlich verpflichtet, sagt Walter Rasch, in den achtziger Jahren FDP-Landes- und Fraktionschef sowie ehemaliger Schulsenator. Da ist zunächst die Tugend der Sparsamkeit. Rasch arbeitet ehrenamtlich und teilt sich seinen Schreibtisch in den gemieteten Räumen gegenüber dem Schloss Charlottenburg mit Christa Müller, die für das laufende Geschäft zuständig ist. Die Aufarbeitung brandenburg-preußischer Geschichte ist ein Schwerpunkt der Förderung. Mindestens ebenso wichtig sind Stipendien für Schriftsteller aus Osteuropa, der jährlich verliehene Theaterpreis (2000 ging er an Frank Castorf und Henry Hübchen), Unterstützung von Forschungsprojekten, Buchveröffentlichungen und Ankaufhilfen für Berliner Museen. Eine schöne Arbeit, findet Walter Rasch, aber es könnte noch besser laufen, wenn das Geld nicht so spärlich flösse. Vor 17 Jahren waren 19 Millionen Mark Stiftungskapital noch was, heute hätte Rasch gerne 50 Millionen Mark. Das Stammhaus der Seehandlung am Gendarmenmarkt, in dem die Akademie der Wissenschaften logiert, konnte die Stiftung nicht beanspruchen. Es war schon von den Sowjets enteignet worden.

"Preußen-Fans" möchte Rasch anregen, überschüssiges Geld der Seehandlung zu überlassen. Dort sei es gedeihlich angelegt. Der Stiftungsrat (Regierender Bürgermeister, Senator für Wissenschaft und Kultur, zwei Abgeordnete und vier Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur) arbeite überparteilich, verteile keine Großsummen, wie gelegentlich die Lottostiftung, und sei nie ins Gerede gekommen. Raschs Credo: "Wir fördern Bescheidenheit."

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