Berlin : Privater „Notbund“ will Religionsunterricht retten

Anwalt gründete Initiative. Er findet: Der Evangelischen Kirche muss mehr einfallen, als Stellen zu streichen

Alexandra Demke

Als „Anwalt zwischen Ost und West“ hat sich Reymar von Wedel einen Namen gemacht. Im Auftrag der Kirche hat er mit dem Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel über die Ausreise von DDR-Bürgern verhandelt. Ganz nüchtern und ganz praktisch ist ihm immer etwas eingefallen. Und wenn der 79-Jährige sonntags in seiner Kirchengemeinde eine flammende Rede für die Kollekte hält, dann wird kräftig gespendet.

Wenn er sich ärgert, dann blitzen seine Augen. Und geärgert hat er sich gewaltig auf der Herbstsynode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Da wurde beschlossen, 200 Stellen für den Religionsunterricht „abzuschmelzen“. Da habe er die Wut bekommen, lacht der Anwalt, und hat „dem Bischof einen bösen Brief geschrieben“. Dabei blieb es nicht.

„Abschmelzen“ soll heißen, dass auslaufende Stellen nicht wieder besetzt werden. Dadurch soll die Zahl der Religionslehrer von rund 800 auf etwa 600 reduziert werden. Durch eine Gehaltssenkung um fünf Prozent sollten darüber hinaus bis 2008 betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden. Über dieses Paket verhandelt die Kirche mit den Gewerkschaften, vermutlich noch bis Mitte Februar.

Die Pläne der Kirche sind die Antwort auf die Kürzungen der Senatszuschüsse für den Religionsunterricht. Genau darüber ärgert sich Reymar von Wedel – „ dass der Kirche nichts Besseres einfällt, als diese Kürzungen an die Religionslehrer weiterzugeben“. Er findet das „lahm“. Zwar klage die Kirche vor Gericht gegen die Kürzungen des Senats, komme damit aber nicht voran. Von Wedel hat selbst jahrelang als Synodaler und Justitiar für die Kirchenverwaltung gearbeitet. Seine Erfahrung: Wer wirklich etwas verändern will, findet auch einen Weg.

Deshalb hat er jetzt den „Notbund für den evangelischen Religionsunterricht“ gegründet. Damit will er die Landeskirche unterstützen und „antreiben“, Spendengelder für die Religionslehrer zu sammeln. Zum frisch gewählten Vorstand des Notbundes gehören auch zwei engagierte Mitarbeiter aus der Kirchenverwaltung: Waltraud Baum, die Beauftragte für den Religionsunterricht, und Kirchenschulrat Rolf Lüpke, Referent für den Bereich Religionsunterricht. In dieser Funktion bereitet Lüpke seit Oktober die betriebsbedingten Kündigungen vor. Aber seit den jüngsten Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Kirchenleitung vor zweieinhalb Wochen hat er Hoffnung, seinen Auftrag doch nicht ausführen zu müssen: „Wir sind auf einem guten Weg zu einer Beschäftigungssicherung“, sagt er.

Lüpke hofft sogar darauf, dass noch mehr dabei herauskommt. Er möchte, dass endlich wieder neue Lehrer eingestellt werden. Seit 2002 gibt es in Berlin einen Einstellungsstopp für Religionslehrer. Nun hofft Lüpke, dass der Notbund so viele Mitgliedsbeiträge und Spenden sammelt, dass man damit sogar neue Stellen finanzieren kann.

„Der Notbund ist die Reaktion auf einen Notstand“, sagt Reymar von Wedel, der zur Kirchengemeinde Berlin-Dahlem gehört. Dort hatte 1933 Pfarrer Martin Niemöller den „Pfarrernotbund“ gegründet, um Pfarrern zu helfen, die von ihrer Kirche – im vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Nazis – vom Pfarramt ausgeschlossen wurden und kein Gehalt mehr bekamen.

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