Pro & Contra : Beißer im Taschenformat?

Kleine Hunde müssen in Berlins öffentlichen Verkehrsmitteln künftig einen Maulkorb tragen oder gut verstaut sein. Ein Pro und Contra.

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Sicher verpackt. Ob auch Schoßhunde in Bussen und Bahnen ein Sicherheitsrisiko sind, ist heftig umstritten. Foto: ddpddp

An die Möpse hat niemand gedacht. „Wer häkelt meinem Fritz einen Maulkorb?“ fragt eine Mopsbesitzerin in einem Diskussionsforum im Internet. Denn für die Rasse mit der platten Schnauze gibt es keinen käuflichen Beißschutz. Auch für andere Schoßhunde sind Maulkörbe zurzeit kaum mehr erhältlich. Als vor kurzem bekannt wurde, dass in Berlin und Brandenburg ab 1. Januar auch alle kleinen Hunde nicht mehr ohne Beißschutz in Bussen und Bahnen unterwegs sein dürfen, begann ein Ansturm auf das ohnehin rare Angebot der Kleinstmaulkörbe. Zugleich wird der Maulkorbzwang für Minihunde heftiger diskutiert als manches politisch brisante Thema. Hundehalter wehren sich gegen die aus ihrer Sicht „total unsinnige“ neue Auflage, andere begrüßen den Beschluss als „längst überfällig.“

Die Beförderungsregeln des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) gelten für die BVG und S-Bahn in Berlin sowie für 40 Verkehrsunternehmen in Brandenburg. Bisher waren dort nur Maulkörbe für große Hunde vorgeschrieben. Doch seit dem 1. Januar gilt diese Pflicht für alle Hunde, selbst für solche im Miniformat. Nur eine Ausnahme gebe es, teilt der VBB mit: „Wenn der Chihuahua, Dackel oder Zwergpinscher in einem geeigneten Behältnis auf dem Schoß transportiert wird“ – sprich, in einer sicheren Box, Tasche oder einem Käfig. Es gehe um die Sicherheit der Fahrgäste. Bei einer Notbremsung könnten selbst Winzlinge durchdrehen und zu „Beißern“ werden.

Wie oft Fahrgäste in den öffentlichen Verkehrsmitteln im Raum Berlin-Brandenburg von Hunden gebissen werden, ist in keiner Statistik erfasst. Die Gesundheitsverwaltung listet nur auf, wie viele Beißvorfälle es pro Jahr in Berlin gibt und wie oft die einzelnen Rassen zupacken. Danach schnappen Minihunde etwa ebenso häufig zu wie Große. 2008 wurden insgesamt 716 Beißattacken gemeldet, 2007 waren es nur 859. „Die Bissvorfälle nehmen seit einigen Jahren kontinuierlich ab“, stellt die Behörde fest. Entsprechende Attacken in Bussen und Bahnen seien allerdings nicht bekannt, heißt es. Auch bei der BVG, der S-Bahn und beim VBB kann sich niemand an solche Beispiele erinnern.

Tierärzte halten das Argument des VBB, auch ein Schoßhund könne im starken Gedränge oder in einer Schocksituation zubeißen, aber durchaus für bedenkenswert. „Viele Hundehalter unterschätzen ihr Tier“, sagt Veterinärmediziner Robert Baumann in Hohenschönhausen-Falkenberg. „,Der ist ganz harmlos‘, sagen sie, aber wenn wir den Kleinen dann in unserer Praxis auf dem Untersuchungstisch anfassen, kann er zum Giftzwerg werden.“ Die Befürwortern der neuen umstrittenen Regelung warnen aber keineswegs nur vor gestressten und dadurch ekligen Minihunden. Es geht ihnen generell um das „subjektive Sicherheitsgefühl“ in Bussen und Bahnen. Fahrgäste, die sich vor Hunden fürchten, könnten entspannter neben „Vierbeinern mit Maulkorb“ sitzen, heißt es beim VBB.

„Da werden doch irrationale Ängste überbewertet“, halten Hundevereine dagegen. Die große Mehrheit der braven Tiere und deren Halter müssten darunter leiden. Der Tierschutzbeauftragte des Berliner Senats und Ex-Präsident der Tierärztekammer, Klaus Lüdcke, wettert gleichfalls gegen „diese verrückte Idee.“ Lüdtke: „Ich mache in der S-Bahn mit meinem Hund ganz andere positive Erfahrungen. Viele freuen sich und sagen: ,Ach, ist der süß‘ – und möchten ihn streicheln.“

Angesichts der aufgeheizten Debatte wollen BVG und S-Bahn nun nicht allzu viel Biss zeigen. Busfahrer und Kontrolleure sollten die Maulkorbpflicht „mit Augenmaß“ durchsetzen, teilen beide Unternehmen mit. Man werde nicht jeden Fahrgast mit Pinscher „gleich drangsalieren“.


PRO

Natürlich sind nicht die Hunde das Problem, sondern ihre Herrchen und Frauchen. Silvester beispielsweise war es wieder mal so weit: Hunderte Hunde drehten angesichts der Knallerei um sie herum durch. Was ihre ach so tierlieben Besitzer aber nicht davon abhielt, sie durch qualmende Straßen zu zerren oder hundeseelenallein in den Wohnungen zu lassen. Wenn dann so ein armes Vieh jaulte, bellte und vielleicht angesichts seiner tierischen Angst auch mal zuschnappte, hieß es wie so oft: „Normalerweise tut der nichts.“

Normalerweise sollte man Hunde aber auch nicht permanent großstädtischer Hektik in Einkaufscentern, auf Rolltreppen oder in S-Bahnen aussetzen. Verantwortungsvolle Hundehalter wissen genau, dass sie ihre Lieblinge vor solchen Stressfaktoren schützen müssen. Und eine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln kann sehr schnell sehr stressig werden. Daran sind nicht die Hunde schuld, aber auch nicht jene Menschen – Kinder, Kranke, Alte – die einfach Angst vor Hunden haben – egal, ob begründet oder nicht, ob der Hund klein ist oder groß.

Da manche Halter auf solche Ängste keine Rücksicht nehmen und sogar noch verkünden, wer gebissen werde, sei selbst schuld, ist ein Maulkorberlass angemessen. Außerdem wird es viele Fahrgäste geben, die froh sind, nicht mehr ungefragt beschnüffelt, abgeleckt und besabbert zu werden.
Sandra Dassler


CONTRA

Der Maulkorberlass für alle Hunde im öffentlichen Nahverkehr hat weder Sinn noch Nutzen – und vor allem, es gibt gar keinen Anlass dafür. Weder bei der BVG noch bei der S-Bahn weiß man aus den letzten Jahren von irgendeinem Fall, in dem ein kleiner Hund einen Fahrgast gebissen hätte. Dafür hat die Regelwut nun eine entbehrliche Vorschrift mehr hervorgebracht, die Konflikte erzeugt, wo bisher keine waren. Künftig ist zu erwarten, dass Kontrolleure mit betagten Damen über des Pudels Kern diskutieren, und ob der Schoßhund, dem Frauchen nicht das Maul versperrt hat, nun gut oder böse sei. Und jede gesetzestreue Wilmersdorfer Witwe, die nicht die Kraft hat, neben ihrer Einkaufstasche auch noch eine Hundebox zu schleppen, wird sich zweimal überlegen, ob sie noch mit Bus und Bahn fahren kann, wenn sie ihren Dackel nicht allein zu Hause lassen will. Gerade gegenüber älteren Menschen, die ein besonderes Herz für kleine Hunde haben, ist die neue Regelung geradezu unmenschlich – von der Tierquälerei, unbescholtenen Dackeln vor dem Einstieg in öffentliche Verkehrsmittel einen Beißschutz anzulegen, ganz zu schweigen. Die BVG ahnt offenbar schon, was da auf sie zukommt, und hat den Kontrolleuren vorsorglich nahegelegt, Nachsicht walten zu lassen. Eine Regel aber, die im Zweifelsfall nicht einzuhalten ist, braucht weder Hund noch Mensch.
Stephan Wiehler


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