Pro & Contra : Einschulungszuschuss für bedürftige Kinder?

Susanne Vieth-Entus

Pro


Bunt sind die Schreibwarenabteilungen, die sich seit Wochen auf das Thema „Schulanfang“ eingestellt haben. Da reiht sich eine glänzende Zuckertüte an die andere, umringt von Ranzen, Federtaschen und Sportbeuteln. Dazwischen stehen verführerisch Filzstifte, Radiergummis und Anspitzer, Hefte mit Katzen, Hunden, Pferden oder sogar Knut vorne drauf. „Oh, guck mal“, rufen die Erstklässler, die es gar nicht erwarten können, zur Einschulungsfeier zu gehen. Alles, was sie da sehen, ist für sie untrennbar verbunden mit ihrem neuen Status als Schüler. Da 40 Prozent der unter Achtjährigen in Berlin in bedürftigen Familien leben, lässt sich leicht ausmalen, was die bunten Auslagen für die Erstklässler bedeuten: Sie sind schlicht nicht erschwinglich. Die Kinder lernen hier – vielleicht zum ersten Mal –, dass sie aus manchen Bereichen ausgeschlossen sind, weil ihre Eltern schlicht nicht genug Geld haben. Natürlich kann man sagen, dass für alle Kinder mal der Zeitpunkt kommen muss, an dem sie verstehen, dass die Mittel begrenzt sind und dass das Geld nicht auf den Bäumen wächst. Aber muss dieser Zeitpunkt gerade die Einschulung sein? Kann der Staat nicht sagen: Es ist mir was wert, dass die Kinder und ihre Eltern nicht beklommen, sondern mit glücklichem Gefühl zur Einschulung gehen? Susanne Vieth-Entus

Contra

Mehr Geld zu fordern, ist immer leicht. Die meisten haben mehr verdient. Wer Kinder großzieht, sowieso. Denn dafür reichen die Regelsätze von Hartz IV nicht aus. Keine Frage. Daraus aber den Umkehrschluss zu ziehen, Empfänger von Transferleistungen sollten zusätzlich noch eine „Einschulungsprämie“ für den Kleinen bekommen, das ist falsch. Das zeigt schon die Verwendung des Kindergeldes: Wer von uns Eltern nimmt die 154 Euro, die jeder von uns bekommt, und gibt genau dieses Geld für den Kleinen aus? Niemand, die Euros versickern in der Haushaltskasse. Da greift man hinein, um dieses und jenes zu bezahlen – unter anderem auch die Bücher und Schulhefte für die Kinder. Wer aber wenig hat – oder wer mit dem, was er hat, nicht auskommt –, der stöhnt schon lange vor dem Ende des Monats über die leere Haushaltskasse. Das ist menschlich. Aber darunter sollten nicht unsere Kinder leiden. Deshalb muss das für sie bestimmte Geld ihnen auch wirklich zufließen. Und das geht so: Die Schulen geben Hefte, Bücher, Buntstifte und Werkstoffe aus an alle Kinder. Haushalte mit vollen Kassen zahlen dafür ein „Schulgeld“. Die anderen nicht. Übrigens, dieses Modell hat längst Schule gemacht: in der Schweiz – warum sollte es also nicht auch in Berlin funktionieren? Ralf Schönball

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