Pro & Contra : Mehr Toleranz für Kinderlärm?

Sigrid Kneist

Pro:

Dass man allein diese Frage aufwerfen muss, zeigt, wie beschämend niedrig der Stellenwert von Kindern in dieser Stadt eigentlich ist und wie wenig Verständnis es für sie gibt. Es ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass Kindheit und Jugend nicht geräuschlos vonstatten gehen können. Kinder brauchen Freiräume, von denen – wie wir alle wissen – es in Berlin ohnehin nicht genügend gibt. Sie müssen sich bewegen, sich ausprobieren, die Stadt für sich erobern. Das geht nicht, wenn sie nur schweigend, still und leise durch die Gegend schleichen oder in der Wohnung hocken. Spiel-, Basketball- oder Bolzplätze müssen natürlich in den Wohngebieten – wo auch sonst – angelegt sein. Und zwar mittendrin. Zum Spiel dort gehören eben Kreischen, Johlen, Schreien, Lachen und Weinen dazu. Ebenso muss man in einer Wohnung auch mal musizieren und herumpoltern dürfen. Das sind ganz normale Geräusche. Wer diese durchweg als Lärm empfindet, der hat mehr als nur ein Wahrnehmungsproblem. Das grenzt doch schon fast an Kinderfeindlichkeit. Natürlich machen Kinder auch mal überflüssigen oder ärgerlichen Krach: In diesen Fällen hilft es meist, mit den Verursachern zu reden. Und zwar in einem vernünftigen Ton und nicht nur brüllend. Kinder sind in der Regel durchaus in der Lage, Rücksicht zu nehmen. Gerichte muss man da nicht bemühen. Sigrid Kneist

Contra: Was für eine Aufregung! Da hat ein Gericht den Vater einer Klavierschülerin zu einer Geldbuße verurteilt, weil das Mädchen auch sonntags geübt hatte. Und schon wittern Politiker – und auch Eltern – hier eine Verschwörung gegen Kinder und fordern mehr Toleranz bei Kinderlärm. Warum aber soll der Krach von Kindern erträglicher sein als derjenige von Erwachsenen? Das Gericht hat den Krach am Sonntag für unzulässig erklärt und hätte sicher auch eine 66-jährige Spielerin zu einer Strafe verdonnert. Wenn Lärm unzumutbar ist, ist es egal, wer ihn verursacht. Einen besonderen Freibrief für Kinder brauchen wir nicht. Daraus eine kinderfeindliche Stadt abzuleiten, ist Quatsch. Kinder können sich tagsüber austoben und auch Krach dabei machen – in der Wohnung ebenso wie auf dem Spielplatz oder auf der Straße. Und in den mit gutem Grund verordneten Ruhezeiten am Abend oder am Wochenende müssen auch Kinder lernen, Rücksicht zu nehmen. Sie sind durchaus verständnisvoll, wenn die Eltern sich die Mühe machen, eine Einschränkung auch zu erklären. Sich hinzustellen und zu sagen, Kinder sind eben laut und deshalb dürfen sie lärmen, egal, wo und zu welchen Zeiten, ist keine Erziehung. Und überhaupt: Wenn nur Kinder sonntags musizieren dürfen – wie sollte man dann kontrollieren, wer wirklich am Klavier sitzt? Die 6-Jährige, die 16-Jährige oder die 66-Jährige? Klaus Kurpjuweit

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