Berlin : ProblemfallVirchow: ModernsteKlinik mit Millionenverlust

Vertrauliche Kostenanalyse: Charité-Standort in Mitte arbeitet am effizientesten und macht Gewinn

Ingo Bach

Wird eine vertrauliche Wirtschaftlichkeitsberechnung des Charité-Vorstandes eine neue Debatte um die Zukunft aller drei Hauptstandorte des Universitätsklinikums auslösen? Die Analyse, die dem Tagesspiegel vorliegt, belegt, dass der Campus in Mitte, das Virchow-Klinikum in Wedding und das Benjamin-Franklin-Klinikum in Steglitz unterschiedlich effizient arbeiten. Am besten steht die Charité in Mitte da, die für 2003 ein Plus von 21,5 Millionen Euro ausweist. Das Klinikum ist auch im Vergleich der Personal- und Sachkosten am effizientesten.

Defizitär sind dagegen die beiden anderen Hauptkliniken. Das Benjamin-Franklin-Klinikum, über dessen Schließung in der Vergangenheit immer wieder diskutiert wurde, rangiert in diesem Ranking mit minus 500 000 Euro im Mittelfeld. Am schlechtesten sieht es für das Virchow-Klinikum aus: minus 3,6 Millionen Euro. Dabei gilt die Weddinger Klinik als modernste unter den drei Standorten. Dort wurden in den 80er und 90er Jahren rund 540 Millionen Euro investiert. Der Hauptgrund für das schlechte Abschneiden des Klinikums ist dessen weitläufige Anlage, die im Unterhalt sehr teuer ist. Im Gegensatz zu Mitte und Steglitz, deren Flächenkosten bei je rund 30 Millionen Euro jährlich liegen, müssen für die Bewirtschaftung des Virchow-Klinikums allein 45 Millionen Euro aufgewendet werden.

Im detaillierten Sanierungskonzept der Charité bis 2010, das derzeit diskutiert wird, taucht diese Analyse für die einzelnen Haupthäuser allerdings nicht auf. Man habe sie nicht veröffentlicht, um „falsche Diskussionen“ zu Lasten von Standorten zu vermeiden, sagt Charité-Vorstandschef Detlev Ganten. „Das ist nur eine erste Übersicht, die wir zum Teil mühsam per Hand zusammensuchen mussten.“ Im Laufe der weiteren Analyse und der Sanierung werde sich dieses interne Ranking sowieso ändern, glaubt der Charité-Chef.

Dagegen spricht der Haushaltspolitiker der Fraktion der Berliner Grünen, Oliver Schruoffeneger, von „Heimlichtuerei“ und verlangt die Offenlegung der detaillierten Finanzplanung. Angesichts der Zahlen müsse man auch die Frage stellen, ob die geplanten Umzüge und Zusammenlegungen einzelner Abteilungen noch zu halten seien. „Der Vorstand muss aufpassen, dass durch die Verlagerungen nicht gerade der wirtschaftlichste Standort in Mitte beschädigt wird.“ Beispielsweise ist geplant, die Kardiochirurgie von Mitte nach Steglitz zu verlagern.

Schwieriger als bisher vermutet dürfte sich auch der Personalabbau gestalten. Wie berichtet, muss die Charité bei den Personalkosten 144 Millionen Euro einsparen. Rund 100 Millionen Euro sollen durch den Abbau von 2285 der insgesamt 11000 Vollzeitstellen eingespielt werden. Die verbleibende Summe will der Vorstand durch Gehaltskürzungen im Rahmen eines neuen Tarifvertrages, der bis Ende April stehen soll, einsparen. Die Beschäftigten könnten auf noch mehr Gehalt als erwartet verzichten müssen, denn der Vorstand will betriebsbedingte Kündigungen unbedingt vermeiden. Mit Instrumenten wie Abfindungszahlungen, der natürlichen Fluktuation der Belegschaft und dem Auslaufen befristeter Verträge könne man aber nur 1635 Stellen einsparen, besagt das Unternehmenskonzept. Entweder müsse man mit den Gewerkschaften über die 40 Millionen Euro Gehaltsverzicht hinaus noch eine Vereinbarung im finanziellen Umfang von 650 Stellen aushandeln – macht rechnerisch weitere 40 Millionen Euro – oder man müsse doch betriebsbedingt kündigen. Denkbar sei auch, dass rund 260 Beschäftigte in eine Transfergesellschaft übergehen, die sie dann zum Beispiel als Zeitarbeitskräfte vermittelt.

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