Berlin : Profis und Naturtalente

Gebremster Humor: Im Berlinale-Palast wurden die 55. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet

Andreas Conrad

Die Welt kannte bisher nur den Blümchenkaffee – bei dem man das florale Muster am Grund der Tasse sehen kann. Ab sofort ist auch mit dem Bärenkaffee zu rechnen: Die Plörre gewährt Durchblick bis zum Berlinale-Bären auf dem Tassengrund. Ja, in ihrem 55. Jahr versucht sich das ehrwürdige Festival mit Merchandising, wie bei der Eröffnung des Festivals gestern Abend im Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz zu erfahren war. Anke Engelke, im dritten Jahr Moderatorin der Veranstaltung und damit fast so etwas wie eine Veteranin, hatte auch gleich ein Exemplar dabei – verschenkte es an Joachim Król.

Erstaunlich. Nicht nur die Tasse an sich, sondern auch, dass sie nicht aus dem Programm gestrichen worden war. Schließlich hatte Festivalchef Dieter Kosslick gleich zu Beginn in einer Art Prolog in ernsten Worten bekannt gegeben, die üblichen Scherze bei der Eröffnungsgala müssten aufs nächste Jahr vertagt werden: Der französische Produzent Humbert Balsan sei vor wenigen Stunden gestorben – wie sich im Laufe des Abends herumsprach, hatte er sich 50-jährig in Paris das Leben genommen.

Es wurden dann aber doch noch einige Witze gerissen, von Engelke, Kosslick und auch Jury-Präsident Roland Emmerich, der seine Jury als offenherzig und die bestaussehende seit langem pries – das kann mit Blick auf Franka Potente und das Wahnsinnsdekolleté der Chinesin Bai Ling natürlich so sehen.

Ansonsten ein Abend, der nichts Ungewöhnliches bot, routiniert und unterhaltsam. Stars waren wieder zahlreich vorhanden, aus dem Eröffnungsfilm „Man to Man“ neben Regisseur Régis Wargnier die beiden Profis Kristin Scott Thomas und Joseph Fiennes und die beiden Debütanten Cécile Bayiha und Lomama Boseki, Pygmäen aus dem zentralafrikanischen Regenwald, deren Naturtalent und Spontaneität ihre Kollegen bei der Pressekonferenz am Nachmittag gar nicht genug loben konnten.

Gegen halb sieben hatten der Strom der Gäste massiv zugenommen, mit dem üblichen Premierenpersonal von Christiane Paul und Günter Lamprecht über Hannelore Elsner, Nina Hoss, Wolfgang Becker und Klaus Wowereit bis zu Heike Makatsch und Walter Momper. Die große Politik war mit Renate Künast, Wolfgang Clement und Antje Vollmer vertreten, und selbstverständlich war auch der in der Selbststilisierung unermüdliche Rosa von Praunheim wieder da, mit einem sehr interessanten Anzugmuster und einem kahlköpfigen Plastikmännerkopf unterm Arm. Der wurde brav an der Garderobe abgegeben.

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