Berlin : Protest mit Laufkundschaft

Fünfmal mehr Menschen als erwartet kamen zur Demo. Laut Verdi vor allem spontane Berliner und ältere Frauen

Katja Füchsel

Die Aktivisten hatten es bereits beim Verteilen der Flugblätter bemerkt. Das Interesse gerade bei älteren Frauen, die Verunsicherung und Wut über die Politik der Bundesregierung. „Alle gemeinsam gegen Sozialkahlschlag“, stand auf den Zetteln, die sie in den Fußgängerzonen in ihre Handtaschen steckten – und: „Bundesweite Demonstration am 1. November in Berlin“.

Der Erfolg der Demo hat dann selbst die Veranstalter überrascht: 20 000 Teilnehmer hatte das Bündnis aus Gewerkschaften, der PDS, den Globalisierungsgegnern von „Attac“ und linken Splittergruppen erwartet, tatsächlich schlossen sich am Sonnabend etwa 100 000 Demonstranten dem Zug durch Mitte an, um gegen Agenda 2010, Hartz, Rürup, Rentengesetze und Gesundheitsreform zu protestieren. Auch einen Tag später freut sich Verdi-Bezirksgeschäftsführer Roland Tremper noch: „Das ist ein tolles Zeichen!“

Nicht die Kreuzberger Autonomen prägten das Bild auf der Demo, es waren vor allem ältere Menschen, auch Rentner. Darunter sehr viele Frauen, sagt Tremper: „Ich kann mir vorstellen, dass einige zum ersten Mal bei einer Demonstration mitgemacht haben.“ Und mit denen hatte eben keiner gerechnet, als die Teilnehmer-Prognosen erstellt wurden. Deshalb kam es zu dem eklatanten Unterschied zwischen angemeldeten und erschienenen Demonstranten. Wie Tremper sagte, kamen am Ende 300 Reisebusse statt wie erwartet 80. „Und viele davon waren auch noch deutlich besser besetzt als erwartet“, sagte Tremper.

Die Aktivisten vom „Demobüro gegen Sozialkahlschlag“ waren nicht die Ersten, die vom Ansturm der Mitmacher überrascht wurden. Bei der Friedensdemonstration im vergangenen Februar beispielsweise hatten die Aktivisten heimlich auf 200 000 Teilnehmer gehofft – es kamen aber 500 000, um gegen den drohenden Irak-Krieg zu protestieren. Die Folge: Es fehlte an Ordnern, Lautsprecher und Beschallung. Sie waren nicht auf solche Menschenmenge ausgelegt. In der Polizeiführung hieß es am nächsten Tag knapp, dass „die Aufklärung im Vorfeld nicht sehr intensiv war, weil keine Ausschreitungen befürchtet wurden“.

Friedlich ging es auch auf der Sozialkahlschlag-Demo am Sonnabend in Mitte zu: Viele Familien waren unterwegs und kleine Gruppen, die selbst gemalte Transparente und Plakate trugen. Wie schon bei der großen Friedendemo hat sich auch dieses Mal am unberechenbarsten offenbar einmal wieder das Berliner Gemüt erwiesen. „Viele Berliner sind spontan mit auf die Straße gegangen“, sagt Tremper. Dabei hätten sich seiner Ansicht nach noch viel mehr Menschen mobilisieren lassen, wenn die Gewerkschaft für Genuss und Gaststätten mitgemacht hätte sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund. „Es war ein Fehler, dass sich der DGB nicht beteiligt hat.“ Denn der Gewerkschaftler glaubt, dass der Demonstrationszug mehr als eine Eintagsfliege war, mehr als nur ein kurzer Protestschrei. „Das kann das Entstehen einer neuen Bewegung sein.“

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