Prozess : Ein Tipp verriet den Tunnelgangster

Ali I. war der letzte freie Täter des Bankraubs von 1995. Nun ist auch er gefasst. Vor 13 Jahren war er mit seinen Komplizen als „Tunnelgangster“ in die Berliner Kriminalgeschichte eingegangen. Die Männer hatten eine Bankfiliale in Zehlendorf ausgeraubt und waren durch einen selbst gegrabenen tunnel entkommen.

Jörn Hasselmann

Berlin - Einer muss nachsitzen. Gut 13 Jahre nach dem spektakulärsten Bankraub der Berliner Nachkriegsgeschichte sitzt nun der letzte der damaligen Täter in Berlin in Haft. Wie gestern in einem Teil der Auflage gemeldet, hat Schweden den 32-jährigen Ali I. an die Berliner Behörden ausgeliefert. Die Staatsanwaltschaft bereitet jetzt die Anklage vor.

Am Vormittag des 27. Juni 1995 soll Ali I. mit seinen vorwiegend libanesischen Komplizen im Zehlendorfer Ortsteil Schlachtensee die Filiale der Commerzbank überfallen haben. 16 Menschen wurden für viele Stunden als Geiseln genommen, bis schließlich ein schwer bewaffnetes Spezialeinsatzkommando der Polizei die Bank am 28. Juni um 3.45 Uhr stürmte. Die Geiseln blieben unverletzt. Die Täter aber waren schon geflüchtet. Obwohl hunderte Beamte die Breisgauer Straße umstellt hatten – sogar Panzerwagen der Polizei waren am Bahnhof Schlachtensee stationiert –, konnten die Männer unbemerkt entkommen: durch einen zuvor in eineinhalbjähriger Arbeit gegrabenen Tunnel, der 170 Meter weiter in der Matterhornstraße in einer Garage endete. Die Bankräuber gingen deshalb als „Tunnelgangster“ in die Berliner Kriminalgeschichte ein.

Schon in den ersten Wochen danach konnten aber fast alle Täter festgenommen werden. 1997 wurden sie verurteilt. Der Haupttäter bekam 13 Jahre, wie die anderen hat er diese Strafe mittlerweile verbüßt.

Das steht dem 32-jährigen Ali I. nun noch bevor. Er ist der jüngere Bruder von Dergham I., der als rechte Hand des Haupttäters Khaled Al B. galt. Ali I. konnte sich damals in den Libanon absetzen. Dort wurde er zwar festgenommen und wegen des Bankraubes zu drei Jahren Haft verurteilt. Ob er diese Strafe tatsächlich abgesessen hat, ist allerdings unklar. Anschließend verlor sich seine Spur. Vermutlich 2001 soll Ali I. nach Schweden übergesiedelt sein. Dort heiratete er eine Libanesin, bekam drei Kinder und lebte unauffällig in einem Nest nahe der Kleinstadt Örebro. Seinen Vornamen hatte er in „Rodi“ geändert, 2006 bekam er nach einem Bericht der Zeitung „Aftonbladet“ die schwedische Staatsbürgerschaft.

Berliner Zielfahnder kamen „Rodi“ nun durch einen Tipp auf die Spur. Ein internationaler Haftbefehl wurde ausgestellt, schwedische Beamte nahmen ihn fest.

Denn die drei Jahre Haft im Libanon genügen der deutschen Justiz nicht. Die anderen Bankräuber waren zu weit höheren Strafen – sechs bis dreizehn Jahre – verurteilt worden. Das Verbot der Doppelbestrafung, demzufolge jemand nicht zweimal für dieselbe Straftat verurteilt werden darf, sehe Ausnahmen vor, sagte gestern ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Natürlich werde Ali I. die verbüßte Haft aber angerechnet.

Den Tätern auf die Spur war man damals nur gekommen, weil sie einen recht dilettantischen Fehler gemacht hatten: Die Garage, wo der Tunnel endete, hatte einer der Libanesen auf seinen Namen gemietet. Nach drei Wochen wurde er festgenommen und verriet seine Komplizen.

Durch den Tunnel hatten die Männer neben den 5,3 Millionen Mark Lösegeld, die sie von der Commerzbank für die Geiseln bekommen haben, den Inhalt von etwa 200 Schließfächern ins Freie geschleppt. Bis heute ist unklar, wie wertvoll diese Beute war. Das Gericht ging von zehn Millionen Mark aus, die Staatsanwaltschaft von bis zu 16 Millionen Mark. Gefunden wurde aber nur das Lösegeld, der größte Teil bei einem Komplizen in Brandenburg. Der Rest der Beute ist bis heute verschwunden. Jörn Hasselmann

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