Punkkultur der DDR : Pankow Calling

In Berlin hat ein Archiv für Punkkultur der DDR aufgemacht. Sein Gründer gehörte einst selbst zur Szene.

Thomas Loy

Ob Ex-Punks gut finden, dass Ex-Punk Boehlke – Szenename Pankow – ihre Subkultur einfach so vermarktet? Nicht alle, sagt Michael Boehlke, aber viele würden sich schon über 150 Euro freuen, die einfach so auf ihrem Konto landen, ohne Arbeitsaufwand. Passt doch auch irgendwie zum Punk: Kohle machen, ohne dafür zu ackern.

Boehlke hat das weltweit erste und auf absehbare Zeit einzige Archiv für Punkkultur der DDR aufgebaut. Am Montag öffnete das „Substitut“-Büro in Pankow. Dort lagern rund 5000 Stasiakten, Super-8-Filme, Musikmitschnitte und Dias, die von Medien, Museen und Historikern genutzt werden können. Das Büro ist vor allem Firmenzentrale, kein Ort zum Hineinschnuppern in die Jugendkultur des anderen Deutschland. Das geht besser auf der Internetseite des Archivs.

Michael Boehlke, 47, schlank, hoch und gerade gewachsen, hat mit dem Archiv auch seine eigene Vergangenheit aufgearbeitet. 1980 wurde er Sänger in der staatskritischen Band „Planlos“, nähte sich Reißverschlüsse und Sticker auf seine Klamotten, bürstete die Haare gegen die Schwerkraft. Geprobt wurde in einem mit Matratzen verkleideten Kohlenkeller.

Subkultur zu machen war in der DDR keine bloße Attitüde. Der Staatsapparat reagierte auf die illegalen Bands mit großer Härte. Boehlke wurde immer wieder festgenommen und verhört. Seine damalige Freundin kam für anderthalb Jahre in Haft. Die Stasi hatte ein Buch mit Songtexten bei ihr gefunden, damit gab es Beweismaterial. Boehlke lernte seine Texte immer auswendig und verbrannte danach das Manuskript. Seine Punkzeit endete 1983 mit dem erzwungenen Wehrdienst in der NVA.

Über diese Zeit nachzudenken, begann Boehlke erst 20 Jahre später. Anfang der Nullerjahre wurde viel über die westliche Punkkultur geschrieben und gesendet, an die DDR jedoch dachte niemand. Ex-Punk Boehlke ärgerte sich und kontaktierte seine alten Kumpels aus der Szene. Ob sie ihm Fotos und Filme überlassen würden, für eine Ausstellung über Ost-Punks? Klar, für „Pankow“ jederzeit.

Die Ausstellung „Too much future – Punk in der DDR“ tourte erfolgreich durch Ostdeutschland. Ein gleichnamiger Dokumentarfilm entstand, der 2009 beim Filmfestival in Chicago gezeigt wurde. Das internationale Interesse am Thema sei groß, sagt Boehlke. Gerade US-Amerikaner begeistern sich für die Subversivkultur im Kommunismus.

Demnächst plant Boehlke, der früher gerne Regisseur geworden wäre, in der DDR aber Maschinenschlosser lernen musste, einen Spielfilm zu drehen. Zusammen mit Punkkumpel und Planlos- Schlagzeuger Bernd Michael Lade, besser bekannt als Leipziger Tatort-Kommissar an der Seite von Peter Sodann. Der Film soll von den Drangsalierungen des Individuums in der DDR erzählen.

Die Punks von damals sind heute Hausbesitzer am Müggelsee, Musiker, Filmleute, Handwerker oder Frührentner, psychisch gebrochen durch ihre Stasi-Haft. Boehlke hat viele von ihnen besucht und bei aller Angepasstheit an gesellschaftliche Bedingungen immer auch die Verweigerung gefunden, die Skepsis und den Willen, anders zu sein. „Die machen so ihr Ding.“ Punks seien in erster Linie Individualisten, getrieben vom Drang, anders zu sein. Das mit dem Andersaussehen hat sich aber mit zunehmendem Alter erledigt, jedenfalls bei Boehlke. Nur seine Sprache klingt noch häufig nach Punk. „Sch...“ kommt darin vor, „fett“ oder „tote Oma“. Punk ist eben doch was fürs ganze Leben.

Das Archiv im Internet: www.substitut.net

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