Berlin : Putin in Berlin: Eine neue Neugier beim Staatsbankett

Elisabeth Binder

Das Wachbataillon stand mit brennenden Fackeln längs der Auffahrt zum Schloss Bellevue, dazu spielte das Musikcorps festliche Märsche, während die Limousinen mit den 178 handverlesenen Gästen zum Staatsbankett für Wladimir Putin langsam über das Kopfsteinpflaster rollten. Die Choreographie für diesen Abend stand zwar schon lange fest, bevor alle Perspektiven neu zurechtgerückt wurden. Trotzdem schien es so, als illuminiere der besonders glanzvolle Rahmen, der sich im Verlaufe des Abends in vielen Details entfaltete, das deutsch-russische Verhältnis in der Zeitenwende in besonderer Weise.

Zum Thema Hintergrund: Russische Präsidenten und deutsche Kanzler
Foto-Tour: Putins Staatsbesuch in Bildern "Deutschland und Russland stehen am Beginn dieses Jahrhunderts vor einem neuen Kapitel ihrer gemeinsamen Geschichte", sagte Bundespräsident Johannes Rau in seiner Ansprache vor dem Essen. Er nannte die Rede, die Putin am Nachmittag vor dem Bundestag gehalten hatte, "sehr bewegend", auch "wirkungsmächtig" und erinnerte daran, dass dabei "zum ersten Mal ein russisches Staatsoberhaupt im wieder geeinten Deutschland und in der ungeteilten deutschen Hauptstadt sprach".

Das große Zeremoniell des Staatsbesuches mit seinen endlosen Wagenkolonnen, seinem aufwändigen Protokoll und, ja, auch einem gewissen Prunk wählt man nur noch ausnahmsweise. Man markiere damit eigentlich einen Meilenstein in den Beziehungen, hat es der oberste Protokollchef des Landes, Busso von Alvensleben, einmal erklärt. Es ist so eine Art feierliches Innehalten, um gute bestehende Beziehungen zu würdigen oder den Beginn eines neuen Abschnitts zu zelebrieren. An diesem Abend wurde das in mehrfacher Hinsicht spürbar. Genau zwei Wochen vorher hatte Johannes Rau kurz nach den Terrorattacken von "einem Tag, der die Welt verändert" gesprochen. Bei vielen Gästen hat er auch das Russlandbild verändert, hat gedankliche Überbleibsel des Kalten Krieges weggefegt und zwar auf beiden Seiten.

Unter den Gästen war der Astronaut Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, der aus protokollarischen Gründen seinen Orden "Held der Sowjetunion" angelegt hatte und prompt von Putin darauf angesprochen wurde. Seine Tischnachbarn befragten ihn später ausgiebig nach seiner Einschätzung Russlands, in dem er bis heute einen großen Teil seiner Arbeitszeit verbringt, aber auch nach seinem Alltag als Ehrenbürger mehrerer Städte.

Beim großen Defilee im Salon Luise wurden Vorstellkärtchen, die das Protokoll als Spickzettel manchmal benutzt, fast nicht gebraucht: Joschka Fischer, Otto Schily, Werner Müller, Rudolf Scharping, Hans Eichel, Friedrich Merz, Angela Merkel, Kurt Biedenkopf, Walter Scheel, Richard von Weizsäcker, Otto Graf Lambsdorff, Claudia Roth, Kerstin Müller, Paul Spiegel, Klaus Mangold, Joachim Milberg und andere hohe Wirtschaftsführer gehörten zu denen, die in den großen Speisesaal zogen. Viele schüttelten dem russischen Präsidenten und seiner in ein langes, schwarzes Paillettenkleid gewandeten Frau Ludmilla Alexandrowna Putina mit einer neuen Art von Neugier, mit einer durch die Nachmittagsrede gleichsam weiter aufgeschlossenen Aufmerksamkeit die Hand. Die Chance, mit neuen Augen gesehen zu werden, nützten die Staatsgäste ihrerseits mit einer Charmeoffensive.

Da Putin und seine Frau exzellent Deutsch sprechen, kam es zu einer extra-lebhaften Unterhaltung am Präsidenten-Tisch, an dem auch die Ehefrauen Platz nahmen.

"Diesmal muss ich Russisch sprechen", hatte Putin vor seiner kurzen Tischrede mit einem entschuldigenden Lächeln gesagt. Er sprach darin von den riesigen Möglichkeiten, die russisch-deutsche Partnerschaft zum zuverlässigen Bestandteil einer einheitlichen europäischen Konstruktion auszubauen. Bevor die Gäste zum Toast "Auf die Freundschaft zwischen Russland und Deutschland" die schweren böhmischen Champagner-Gläser vielfach zum Klingen brachten, hob Putin das frühe Engagement Johannes Raus für die Förderung von vielen deutsch-russischen Partnerschaften und bilateralen Projekten hervor.

Die bei solch einem Bankett üblichen Aufsteh-Rituale bei den Toasts unterstreichen das Besondere der Situation. Erstmals hatte man sich zudem kostbare Porzellanleuchter von der KPM geliehen, hatte die Tische mit Blumen-Apfelkränzen frühherbstlich üppig dekoriert. Variationen von Lachs mit Tomatenvinaigrette, Essenz von Pfifferlingen, Kalbsrücken auf Gemüseragout und Karamelisierter Blätterteig mit Brühler Zwetschgen-Mandel-Sabayon wurden von Spitzenkoch Matthias Buchholz zubereitet und auf kostbarem weiß-goldenem KPM-Porzellan serviert; eine knapp 100 Leute umfassender Service-Brigade trug das Essen auf, auch dies ein Teil der sorgfältig einstudierten Choreographie.

Beim Kaffee im Salon Ferdinand plauderte Anna Rau, für die das von ihrem Vater gegebene Staatsbankett eine Art Debut war, in einem eleganten Spaghettiträger-Abendkleid mit Ludmilla Putina, die diesen Besuch nützte, für viel mehr Austausch zwischen westeuropäischen und russischen Jugendlichen zu werben. Gegen halb elf verabschiedete sich das Ehepaar Putin von seinen Gastgebern. Das sah fast aus wie ein familiärer Abschied, der Bundespräsident und Frau Christina in ihrer leicht ausgestellten langen blauen Robe fröhlich winkend auf der Treppe, zwei Paare, die in guter Gesellschaft einen schönen Abend verbracht haben; wenn da nicht die riesige Limousinen-Kolonne den Schlosshof mehrfach umwickelt hätte.

Die großen, positiven Schwingungen des Atmosphärischen wurden von den vielen Details übrigens durchaus wirksam unterstützt. Beim Einlass hatte es kleine Übersichtskärtchen mit der Anordnung der Tische gegeben. Ein Tisch mit der Nummer 13 kam nicht vor.

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