Historischer Roman "Rosenstengel" : „Anhaltspunkte für ein zerrüttetes Seelenleben“

Eine Frau in Männerkleidern, ein schwuler König und ein liberaler Arzt: Angela Steideles spannender Briefroman "Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwig II."

Sabrina Wagner
Die Kölner Autorin Angela Steidele.
Die Kölner Autorin Angela Steidele.Foto: Ben Chisletti

Preußische Soldaten jagen einen Deserteur. Als sie ihn überwältigen, staunen sie nicht schlecht: Der Flüchtige gibt sich als Frau zu erkennen. Der enthüllte weibliche Oberkörper genügt den umstehenden Soldaten kaum als Beweis, dann aber finden sie „sowohl ein Horn als auch ein gewisses lederndes Instrument, die sie mittels eines ledernen Riemens vor ihr Geburtsglied gebunden“. Auf die ungläubigen Nachfragen hin erläutert die Enttarnte wie die beiden Gegenstände funktionieren.

Bis zu diesem Ereignis während des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714) lebte die 1687 geborene Catherina Linckin unerkannt als Mann unter dem Namen Anastasius Rosenstengel. Nach der Enttarnung entkommt sie nur knapp der Hinrichtung, muss aber geloben, fortan als Frau zu leben. Für kurze Zeit nimmt sie ihren Geburtsnamen wieder an, aber schon am 12. September 1717 heiratet Anastasius Rosenstengel Catharina Margaretha Mühlhahn. Einige Jahre kann das Paar unentdeckt an wechselnden Orten leben. Die erneute Enttarnung aber endet für Catherina Linckin/Anastasius Rosenstengel 1721 mit der Enthauptung. 

Es ist dieser historische Fall, der dem Briefroman von Angela Steidele seinen Namen verleiht: „Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwig II. Mehr als 160 Jahre später stößt der junge Arzt Franz Carl Müller im medizinischen Archiv seiner Universität auf den Fall. 1884 wird Müller zum Leibarzt Prinz Ottos, des geisteskranken Bruders des bayerischen Königs Ludwig II. Bald aber kümmert er sich vor allem um König Ludwig. Als zwischen den beiden ein enges Vertrauensverhältnis entsteht, erzählt Müller ihm von Rosenstengel. König Ludwig ist fasziniert – von Rosenstengel, aber nicht weniger von seinem jungen Arzt. Seiner Cousine, Kaiserin Elisabeth von Österreich, schreibt er über Franz Carl: „Er ist von märchenhafter Schönheit und Liebenswürdigkeit. Oh Er ist göttlich, göttlich!“ Schon bald unterschreibt der König Briefe an den Geliebten mit „Anastasius Rosenstengel“.

Ludwig II. soll aus medizinischen Gründen für regierungsunfähig erklärt werden

Was beide nicht ahnen: Müller ist von Beginn an Werkzeug in einem Komplott, das den König stürzen soll. Luitpold, der Onkel Ludwigs, will mit Hilfe ärztlicher Gutachten nicht nur die pathologische Verschwendungssucht seines regierenden Neffen nachweisen, sondern „Anhaltspunkte für ein zerrüttetes Seelenleben“ finden, um ihn „für unheilbar“ und daher als „verhindert an der Ausübung der Regierung“ zu erklären. Die Beweise liefert Müller – unwissend – mit seinen ausführlichen Briefen an die Professoren und Psychiater Bernhard von Gudden und Paul Julius Westphal.

Für den heutigen Leser sind diese Briefe vor allem ein faszinierendes Zeugnis damaliger Krankheits-, Sexualitäts- und Geschlechtervorstellungen. Diagnostiziert werden Zusammenhänge zwischen „pathologischer Geschlechtsabartung“ und Depressionen, geistigen Erregungszuständen und Krampfanfällen. „Conträrsexuelle“, so der Nervenarzt Westphal, seien „doch alle mehr oder minder tiefe Psychopathen“. Ihre Sexualempfindung sei „klinisch zu betrachten“ und habe „die Bedeutung eines funktionellen Degenerationszeichens, welches auf anderweitige Entartungen verweist wie Neurosen, Hysterie, Neurasthenie, epileptoide Zustände usw.“

Der Arzt stimmt nicht in den homophoben Chor ein

Auch „psychische Anomalien“ kann er feststellen. Darunter fasst er: „glänzende Begabung für schöne Künste, besonders Musik, Dichtkunst usw., bei intellectuell schlechter Begabung oder originärer Verschrobenheit.“ Müller dagegen vertritt eine fortschrittlichere Position, hält er die genannten psychologischen Erscheinungen nicht etwa für einen Teil der vermeintlich krankhaften Sexualität, sondern für eine Folge der gesellschaftlichen Ablehnung: „Man ist den homosexual Empfindenden gegenüber ungerecht und meistens viel zu streng. Jeder Beischlaf, der weder dem einen, noch dem anderen der betheiligten Erwachsenen schadet, ist ethisch indifferent.“ – Ob da der ein oder andere noch 150 Jahre später aufhorcht?

Die meisten Personen, die in diesen spannend, humorvoll und klug komponierten Briefwechseln zu Wort kommen, lebten tatsächlich, andere hat Steidele aus mehreren realen zu einer fiktiven Figur komponiert. Die Grundlage bilden Dokumente, Notizen und Briefe, auf die die Autorin im Historischen Archiv der Stadt Köln gestoßen ist. Der Nervenarzt und Wissenschaftler Franz Carl Müller hatte sie dort vor seinem Tod hinterlegt. Ob ihn die Form, in der sie nun in diesem liebevoll von der Schriftstellerin und Typografin Judith Schalansky gestalteten Buch erschienen sind, auch so begeistert hätte wie den bibliophilen Leser heute? Der Buchdeckel leuchtet pink, die goldene Schrift ist leicht eingeprägt, und im Innern unterscheidet ein zweifarbiger Druck die Briefe der verschiedenen, ineinander verflochtenen Zeitebenen.

Mehr Informationen zum historischen Kontext hätten die Lektüre bereichert

Einzig: Die Literaturwissenschaftlerin Steidele, die bereits 2004 eine Monografie zum Fall Rosenstengel vorgelegt hat ("In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Rosenstengel, hingerichtet 1721. Biografie und Dokumentation". Wien, Böhlau 2004), setzt viel Vorwissen voraus. Im Anhang finden sich lediglich sehr knappe Biografien und Anmerkungen zu den verschiedenen Briefeschreibern. Für das Verständnis genügt das zwar, aber ein wenig mehr an Kontext – sowohl zu den Religions- und Konfessionsdiskursen des frühen 18. Jahrhunderts als auch zum Umfeld Ludwigs II. und den Machtverhältnissen im jungen Deutschen Reich Ende des 19. Jahrhunderts – hätten die Lektüre noch bereichern können.

Angela Steidele: Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II., Matthes & Seitz Berlin, 2015, 384 Seiten, 28 €.

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