Gibt es eine DNA-Markierung?

Seite 2 von 2
Kinder von Nazi-Opfern : Leidvolles Erbe
von
Petra Hörig in ihrer Berliner Wohnung.
Petra Hörig in ihrer Berliner Wohnung.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

All diese Fakten hätte die ehemalige Angestellte der FU Berlin gern früher erfahren. Ihre Mutter schwieg darüber bis zu ihrem Tod. Als die Homosexualität ihres Mannes in ihrem ostdeutschen Heimatort 1949 bekannt wurde, schämte sie sich so sehr, dass sie lieber mit ihm in ein kleines Dorf nach Niedersachsen flüchtete. „Dort hatten wir kein Telefon, und meine Mutter tat nach dem Tod meines Vaters alles, damit der Name Hörig nirgendwo öffentlich auftauchte. Als ich mit 14 in einer Lokalzeitung schreiben durfte, war sie sehr beunruhigt, anstatt sich für mich zu freuen“, erzählt Petra Hörig. Die Tochter spürte, dass es um ihren Vater „unterschwellig etwas gab“, was sie nicht wissen durfte. „Nach seinem Tod wurde nicht mehr über ihn geredet. Meine Mutter hat ihn negiert.“

Am meisten hätten ihre beiden Brüder Horst und Dieter unter der familiären Verdrängung gelitten. „Für sie war es besonders schwer, ohne männliche Identifikationsfigur aufzuwachsen.“ Dass es eine Verbindung zwischen ihrem Schicksal und der Depression des Vaters geben könnte, das war nie ein Thema in der Familie. „Noch heute habe ich Verwandte, die lieber von einem Unfall als von einem Suizid meiner Brüder reden.“

Der israelische Psychotherapeut Natan P. F. Kellermann ist überzeugt, dass „der Verfolgungskomplex der Eltern auch den Nachwuchs über Generationen hinweg infizieren kann“. Er benutzt dafür den Begriff der „neurobiologischen oder epigenetischen Vererbung“: Eltern könnten „jegliche Arten von Konflikten, Leidens- und Lernprozessen, posttraumatische Emotionen, sogar einen Gemütszustand oder Angst, Leiden und Vulnerabilität im Allgemeinen weiterreichen“.

Es führe zu einer ähnlichen „DNA-Markierung“ unter den Nachkommen, die zurückentwickelt werden könne, „wenn der Druck der Umgebung wegfällt“. Schweigen, emotionale Abstumpfung, eine potenzielle Gewaltneigung, all das können auch Merkmale in NS-Täter-Familien sein. Was in Verfolgten-Familien ähnlich aussehen mag, hat einen anderen Hintergrund, sagt der Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen: „Der Täter schweigt, um seine Schuld zu verbergen, während der Verfolgte es tut, um seine Kinder und sich selber vor der Erinnerung des Schrecklichen zu schützen.“

Die Gewaltausbrüche der Eltern, die auch Petra Hörig erlebte, haben bei Peinigern und Gepeinigten eine andere Bedeutung: Beim Täter bilden sie eine Kontinuität, um über andere Menschen eine grenzenlose Macht auszuüben. Die Gewalt der verfolgten Eltern drückt hingegen etwas von der geronnenen Verzweiflung aus – geronnen, weil sie keinen anderen Ausdruck gefunden hat. Unbewusst spüren Kinder oft diese Verzweiflung der Eltern.

Vor dem „Familiendrama“ rettete sich Petra Hörig, indem sie mit 18 zu einem befreundeten Ehepaar zog. Bei ihm konnte sie ihr Abitur in Ruhe machen und ihr Leben neu ordnen. „Ohne sie würde ich heute nicht hier sitzen.“ Als junge Frau jobbte Petra Hörig in einer Schöneberger Schwulen-Bar, in dieser Zeit dachte sie manchmal, dass ihr Vater ein Nazi gewesen sei. Sie suchte in Archiven, aber fand nichts, was ein Licht auf sein Leben während der Hitler-Diktatur warf.

Erst als sie 2000 in Frührente ging, hatte sie mehr Zeit, um gründlich zu recherchieren. In einem Thüringer Archiv stieß sie schließlich auf Akten über seine Verfolgung im Nationalsozialismus. Wieder zurück in ihrem niedersächsischen Heimatdorf Grafeld, hörte sie die Geschichte, dass ihr Vater dort in einer Kneipe geprahlt habe, er sei in der Leibstandarte Adolf Hitler gewesen. „Er war ein großer, kräftiger Mann, das passte. Vor allem war es perfekt, um von den vielen Nazis, die es lange noch nach Kriegsende im Dorf gab, in Ruhe gelassen zu werden.“ Seit 2005 ist die Rentnerin Mitglied im Förderverein der Gedenkstätte Sachsenhausen und hält Vorträge über ihre Familie.

Vom Leid ihres Vaters hat Petra Hörig heute noch körperliche Schäden. „Vor drei Jahren konnte ich wegen meiner schlechten Atmung meine Schuhe nicht mehr schnüren.“ Ein Arzt habe ihr vor Jahren prophezeit, dass sie mit 40 keine Treppen mehr hochlaufen könne. Dank guter Pflege und weil sie seit ein paar Jahren den Winter in wärmeren Regionen verbringt, geht es ihr besser.

Die Kreuzbergerin hat einen Entschädigungsantrag gestellt – aufgrund der Auswirkungen der väterlichen NS-Verfolgung auf die Familie. Er wurde vor Kurzem abgelehnt: „Ich würde angeblich nicht zur Zielgruppe gehören.“ Sie hat Widerspruch eingereicht.

- Die Konferenz „Zweite Generation 2015“ findet am 15./16. Juni in Berlin statt. Eine Ausstellung zum Thema „Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft – Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit“ läuft noch bis zum 30. Juni im Rathaus Treptow.ie Konferenz „Zweite Generation 2015“ findet am 15./16. Juni in Berlin statt. Eine Ausstellung zum Thema „Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft – Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit“ läuft noch bis zum 30. Juni im Rathaus Treptow.

Mehr LGBTI-Themen erscheinen auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels, den Sie hier finden. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per E-Mail an:queer@tagesspiegel.de. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #Queerspiegel – zum Twitterfeed zum Queerspiegel geht es hier.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben