Kirche und Homosexualität : Katholisch, jung, queer - wie geht das denn?

Sich in einem katholischen Jugendverband für queere Themen engagieren - geht das überhaupt und bringt das was? Ja, meint unsere Autorin - auch wenn ihre Freunde das manchmal für einen Witz halten. Ein Erfahrungsbericht.

Juliane Fiegler
Die katholische Kirche tut sich schwer mit queeren Themen - doch man kann von innen was verändern, findet unsere Autorin. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Die katholische Kirche tut sich schwer mit queeren Themen - doch man kann von innen was verändern, findet unsere Autorin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Sommerlager, Spielenachmittage, Freunde treffen – als Zwölfjährige kam ich in einen Jugendverband, meinen „geschützten Raum“, in dem ich den Rest meiner Kindheit ausleben und ungestört von Erwachsenen wie Eltern oder Lehrern vor mich hin pubertieren konnte. Kindheit und Pubertät hab’ ich mittlerweile hinter mir – aktives Mitglied in dem Jugendverband bin ich trotzdem noch, unter anderem im so genannten Gender-Ausschuss.

Katholisch? Bei dem Wort schalten die meisten schon ab

Das hört sich erstmal nach nichts Besonderem an, aber: Der Jugendverband, um den es geht, ist katholisch. „Katholische Studierende Jugend“, kurz KSJ, heißt er – aber die meisten Menschen schalten schon nach dem ersten Wort – katholisch – ab und stecken den Verband, alle seine Mitglieder und damit auch mich in eine ganz bestimmte Schublade: in die erzkonservative, jungfräuliche, papstvergötternde Heiligenschein-Schublade.

Dass wir in dem Verband trotzdem ganz normale Jugendliche und junge Erwachsene mit eigenen Meinungen sind, die mehr oder weniger zufällig meistens auch katholisch sind, manchmal aber auch nur zufällig in den Verband gekommen und dann dort geblieben sind, scheint gar keine Option zu sein.

"Ich du wir - Frau Mann Queer"

Oft wird es für einen schlechten Witz gehalten, wenn ich zum Beispiel meinen linksorientierten Kommilitonen, die nichts über meine politische Ausrichtung wissen, die Arbeitshilfe zeige, die wir als KSJ-Gender-Ausschuss herausgebracht haben: "Ich du wir - Frau Mann Queer" ist der Obertitel, der noch neugierig beäugt wird, aber beim Untertitel „Eine Gender-Arbeitshilfe der Katholischen Studierenden Jugend“ bleibt vom anfängliches Interesse nur noch ein halb verwirrtes, halb amüsiertes Lächeln übrig. (Hier kann man die Arbeitshilfe im Netz sehen.)

Im letzten Jahr haben wir im Ausschuss an einer Positionierung zur Toleranz und Akzeptanz gegenüber LGBT gearbeitet, die ganz eindeutig nicht der offiziellen Meinung der katholischen Kirche zu Homosexualität entspricht. Die offizielle Bundeskonferenz des Verbands hat diese Positionierung letztes Jahr noch verabschiedet, dieses Jahr arbeiten wir an Positionierungen zum Umgang mit Transidentitäten und zur Rolle der Frau innerhalb der katholischen Kirche.

Ja, auch hier sind wir anderer Meinung als die große Institution über uns.

Aus der Kirche austreten? Lieber von innen verändern

Warum ich denn nicht einfach aus der Kirche austrete, dann müsste ich mich mit so etwas doch gar nicht herumschlagen, werde ich oft gefragt. Meine Antwort ist nicht für viele nachvollziehbar: Weil wir „Kirche“ eben nicht nur als Institution über uns verstehen, sondern weil es auch unsere, auch meine Kirche ist. Und als Jugendverband innerhalb der katholischen Kirche haben wir die Möglichkeit, sie selbst (mit) zu gestalten. Das klingt wahrscheinlich übertrieben idealistisch und kindlich naiv. Aber anstatt aus der Kirche auszutreten und somit kampflos aufzugeben, wollen wir versuchen, sie von innen heraus zu verändern.

Wir als KSJ sind in der Landschaft der katholischen Jugendverbände mit unseren Positionen nicht allein, auch wenn wir der einzige Verband mit einem offiziell gewählten Gremium sind, der zu dem Thema arbeitet. Ähnliche Meinungen und Forderungen wie die unseren wurden in den letzten Jahren immer mal wieder auch in anderen katholischen Verbänden geäußert. In der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) zum Beispiel gibt es seit mehreren Jahren das LesBiSchwule Netzwerk „KjGay“.

Der Jugendverband prägt

Wie gesagt – es sind ganz normale Jugendliche und junge Erwachsene, die sich in katholischen Jugendverbänden engagieren. Sie haben ihre eigenen Meinungen, ihre eigenen (sexuellen) Orientierungen und streben oft alternative Lebensformen zum traditionellen Familienbild an. Ihr katholischer Jugendverband ist oft zu einem Teil ihres Lebens geworden, der sie geprägt hat. Ihr katholischer Jugendverband gibt ihnen aber auch die Möglichkeit, die katholische Kirche auf ihre Weise zu prägen. 

Zugegeben, Queer- und Gender-Themen sind nicht unbedingt die Themen, auf die sich ein – zudem noch katholischer – Jugendverband als Erstes stürzt. Kinderrechte, Familien-, Sozial-, Jugend- und Bildungspolitik sind da schon nahe liegender, oder auch mal globale Gerechtigkeit und Fairer Handel. Wie kam es also dazu?

Die 50-50-Quote

„Schuld“ daran war im Grunde unsere Tradition, mit der wir 2011 aus finanziellen Gründen brechen mussten. Bis dahin war die KSJ offiziell kein geschlossener Verband, sondern ein Zusammenschluss eines Jungen- und eines Mädchenverbands. Spezifische Jungen- und Mädchenarbeit gehörten also genauso zu unserem Verbandsleben wie die 50-Prozent-Quote: Alle Gremien und leitenden Ämter auf allen Ebenen der KSJ mussten immer in gleicher Anzahl von Mitgliedern des Mädchen- und des Jungenverbands besetzt werden. Für einen „Katholikenverein“, wie wir oft genannt werden, eine ziemlich fortschrittliche Tradition.

2011 verschmolzen wir schließlich ganz offiziell zur KSJ und verabschiedeten uns somit von unserer bisherigen Doppelstruktur. Einigkeit herrschte aber weitgehend dabei, dass wir sowohl die mädchen- und jungenspezifische Arbeit als auch die Quotierung der Ämter aber beibehalten wollten. Neben der Einigkeit gab es aber auch Befürchtungen, dass wir es nicht schaffen könnten, alte Traditionen auch innerhalb der neuen Strukturen weiter zu führen. Und so wurde der Gender-Ausschuss ins Leben berufen, der im Auge behalten sollte, ob und wie Quote, Mädchen- und Jungenarbeit weiterhin in der KSJ umgesetzt werden.

Schnell geht es um sexuelle Orientierungen

Bereitwillige, die in dem Ausschuss mitarbeiten wollten, fanden sich schnell, ich selbst stieß erst im nächsten Jahr dazu. Schnell ging es uns im Ausschuss auch um Geschlechterstereotype, sexuelle Orientierungen, Alltagssexismus, Grenzüberschreitungen – Themen, die gerade im Jugendalter wichtig sind, aber meistens tabuisiert werden.

In einer Arbeitshilfe wollte der Ausschuss jugendlichen Gruppenleitern zeigen, wie sie ihren Schützlingen diese „queeren“ Themen auch mal spielerisch näher bringen können. Parallel zur Arbeitshilfe brachten wir auch Buttons, Postkarten und Poster mit umgewandelten Redensarten wie „Bring den Laden auf Vorderfrau!“, „Den lieben Herrgott eine gute Frau sein lassen“ „Miesepetra“ oder „Tratschonkel“ raus, um so die Neugierde auf das Thema zu wecken.

Das Feedback von anderen Jugendverbänden, von katholischen Einrichtungen und Jugendämtern zeigten uns, dass eine solche Arbeitshilfe längst überfällig war. Empörte Reaktionen darauf, wie offen wir mit den bisherigen Tabuthemen umgehen, können wir bis heute an einer Hand abzählen.

Das Interesse ist groß, Ansprechpartner fehlen oft

Innerhalb unseres eigenen Verbands stehen wir als Ausschuss alle zwei Jahre vor der Herausforderung, neu gewählt werden zu müssen. Die Tatsache, dass ein Jugendverband vom ständigen Generationenwechsel lebt, macht es uns nicht gerade einfacher: Was für die eine Generation wichtig war, kann die nächste schon wieder unnötig finden.

Eine Wiederwahl haben wir bereits geschafft, direkt nach der Veröffentlichung der Arbeitshilfe. Wir im Ausschuss sind uns einig: Auch wenn wir die KSJ nach unserem dritten Jahr zu einer Positionierung zum LGBT-Thema bewegen konnten und sie nun, nach unserem vierten Jahr, aller Voraussicht nach zu weiteren Positionierungen zur Frauenrolle innerhalb der Kirche und zum Umgang mit Transidentitäten bringen können – damit ist es nicht getan.

Bei Gesprächen abseits von Konferenzen mit jungen KSJ-Mitgliedern merken wir immer wieder, dass gerade bei Jugendlichen das Interesse – sobald sie einmal ein erstes Grundwissen zu queeren Themen haben – sehr groß ist. Oft wissen sie aber nicht, wo sie sich informieren können – oder ihnen fehlt schlicht und ergreifend ein Ansprechpartner.

 Mehr LGBTI-Themen erscheinen auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per E-Mail an: queer@tagesspiegel.de. Unter dem Hashtag #Queerspiegel können Sie twittern, zum Feed geht es hier.

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