Nachruf auf Dorothea Krafzick (Geb. 1947) : Die Frau vom Funk

Es gab mal eine Zeit, da herrschte reger Sprechverkehr im Taxigewerbe. Die Stimme, die besser wärmte als jede Standheizung gehörte ihr. Der Nachruf auf "Knuffi" vom Ackermann-Funk.

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Dorothea Krafzick (1947-2015)
Dorothea Krafzick (1947-2015)Foto: privat

"Mäh“, blökt es in die Flaute dieser späten Stunde. Wenig los heute, kaum Kundschaft. „Mäh“, antwortet die Herde der Taxifahrer ihrer Zentrale. Heute wieder durch die Nacht mit Dorothea Krafzick. Mit einer Stimme, so tief und so rau, dass sie die Langeweile tötet.

Opernsängerin wollte sie mal werden. Akkordeon- und Klavierstunden nahm sie als Kind, so lange das Geld reichte. Es reichte nicht lange. Und für Gesangsstunden erst recht nicht.

Ihre Bühne bekommt Dorothea Krafzick trotzdem. Als Taxifunkerin ab Februar 1968, ausgerechnet beim Ackermann-Funk, bei den Rabauken. Wo sich einige der Kutscher benehmen wie in der Marlboro-Werbung. Sitzen in ihren Sitzen, als wären sie Cowboys auf wilden Pferden.

Dorothea wird Rabaukendompteurin. „Einen wunderschönen guten Abend, meine Damen und Herren!“ Ihre Stimme wärmt besser als jede Standheizung. Macht den Auftrag zum Ausflug. „Das heißt veräppeln, nicht verarschen“, mahnt sie dunkel in die Berliner Nacht, wenn wieder einer motzt, weil sie die Fahrt an einen anderen vergibt. Der, wie sie blitzschnell überschlägt, näher dran ist.

Den Funk auf dem einen Ohr, das Telefon am anderen, um sie herum lärmen die Kollegen, vermittelt Dorothea Krafzick hunderte Fahrten pro Schicht. Sie ist der Blitzableiter inmitten des Stimmgewitters. Und verwickelt den Anrufer, während er Münzen in der Telefonzelle nachwirft, in eine Unterhaltung, bis die Taxe vorfährt. Damit der Fahrer den Weg nicht umsonst gemacht hat.

Mit so einer Stimme ließe sich Politik machen. Wenn Dorotheas Handy läutet, erklingt ja auch die „Internationale“. Aber sie ist vorsichtig mit jeder Ideologie. Vorbelastet, seit die Mutter, Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, sie zu den Jungen Pionieren gesteckt hatte – in West-Berlin.

Bei rassistischen Sprüchen geht sie dazwischen

Sie studiert kein Parteiprogramm und sitzt in keinem Zirkel. Gibt auch im Alltag genug zu tun. Schließlich nennt immer jemand an der Bushaltestelle, Supermarktkasse oder in der Kneipe eine Frau Schlampe, einen Homosexuellen Schwuchtel, einen Alten Krüppel oder einen Obdachlosen Penner. Auch die Taxifahrer sind Menschenfeinde. „Schau dir den Neger am Zoo an“, dringt an Dorothea Krafzicks Ohr. Ob sie keinen Mann fänden, der für sie arbeitet, fragen die männlichen Taxifahrer die wenigen Fahrerinnen. Eine Frau gehört nicht ans Steuer, sondern an den Kochtopf. Und die Juden – na ja. Sprüche aus düsteren Zeiten. Dorothea Krafzick funkt dazwischen, widerspricht. Man muss nicht studiert haben, um Unrecht zu spüren. An einem ihrer letzten Tage auf dieser Erde streitet sie im Krankenhaus mit einem Leidgenossen, weil er rassistische Reden schwingt.

Gefunkt hat's 1977: Sie verliebt sich in Taxifahrerin Waltraud

In Gruppen muss man sich verbiegen, taktieren. Dorothea aber kann nicht lügen. Partout nicht. Nicht einmal für die gute Sache. Sie gibt zu, wenn sie eine Hausnummer vertauscht oder einen Straßennamen verwechselt hat. „Ich war gestern saufen und bin heute früh nicht aus dem Bett gekommen“, sagt sie. Und riskiert ihren Job damit.

Und dann, als es passiert ist: „Ich habe mich in eine Frau verliebt.“ Denn, natürlich, mit dieser Stimme lässt sich flirten. Und wie. Seit Wochen schon ist allen Kutschern klar, dass Dorothea eine von ihnen besonders mag. Gefunkt hat’s schnell, 1977.

Es dauert, bis beide ihre Beziehungsgeflechte entknotet haben. Bis Waltraud Schmitt, die Taxifahrerin, Dorothea auf den Quatschkanal bittet. Funkkanal IV, der ist frei für Streit oder Anmache, da werden keine Aufträge vergeben.

Sie synchronisieren ihr Leben: Dorothea steigt auf Nachtfunk um

Wollen wir uns auf ein Bier treffen? Eckkneipe an der Gneisenaustraße, nach der Spätschicht. „Jetzt bist du bestimmt enttäuscht“, sagt Dorothea zur Begrüßung. Zu klein? 1,55 Meter. Zu niedlich? „Knuffi“ heißt Dorothea Krafzick, seit eine Kollegin ihr in die füllige Seite geboxt hat. Den Namen wird sie nicht mehr los.

Im Gegenteil! Schöner, großer Busen. Waltraud hat sie sich noch runder vorgestellt, bei der vollen Stimme.

Dann küssen sie sich. Und sind fortan ein Paar.

Sie synchronisieren ihre Leben. Dorothea, die gern um fünf am Morgen aufsteht, steigt ganz auf den Nachtfunk um. Arbeiten, wenn andere schlafen.

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