Berlin : Querfeldein in der Großstadt

Wandern wird immer beliebter, selbst in einer Metropole wie Berlin. Einer muss wissen, wo es lang geht – wie Rudolf Stegmann

Annette Kögel

„Nein“, sagt Rudolf Stegmann, „Traditionalist bin ich nicht.“ Also keiner von denen, die nur mit Hut und in Knickerbockern laufen, den Stock vollgenagelt mit den Plaketten der erwanderten Orte. Alles, was der 64-jährige Wandersmann aus Wedding braucht, sind ein Anorak, eine strapazierfähige Hose, feste Schuhe und ein Rucksack. Und die Lupe, die nimmt Stegmann immer mit – ob bei einer Tour durch die Dolomiten oder bei einer Wanderung durch die Wälder und Grünstreifen der deutschen Hauptstadt. Wandern in und um Berlin wird immer beliebter, heißt es beim Wandersportverband Berlin. Rudolf Stegmann ist schon lange dabei – einer der erfahrensten Wanderleiter in der Stadt.

Stegmanns Lebenslauf begann in Stuttgart. Anfang der 80er Jahre zog es den gelernten Feinmechaniker nach Berlin, 1983 wurde er Leiter der Fachgruppe Wandern bei den Naturfreunden. Kaum eine Wurzel, kaum ein Stein, die er nicht kennt. Ausgetretene Pfade meidet er – etwa die Strecken rund um den Grunewaldsee oder den Höhenwanderweg an der Havel. „Als die Mauer noch stand, war es am Fließ in Lübars voller als am Kurfürstendamm“, sagt Stegmann. Auch der Europäische Fernwanderweg E 11, der sich von Nikolassee über Heerstraße, Jungfernheide, Zoo, Potsdamer Platz, Treptower Park und die Wuhlheide bis nach Friedrichshagen quer durch die Stadt zieht, ist nicht sein Revier.

Stattdessen führt der Weddinger seine Gruppen lieber durch einsamere Gegenden, „und auch im Grunewald gern mal querfeldein“. Besonders wohl fühlt sich der Wanderer im Düppeler Forst und im Spandauer Stadtforst, „die sind nicht so überlaufen“. Auch seine nächste Tour führt durch Spandau (siehe Kasten).

Zu sehen gibt es in Berlin genug, findet der 64-Jährige. Mal sind es seltene Vogelarten, die ihn faszinieren, mal Pflanzen, die er unter die Lupe nimmt. Bis man sich Wanderleiter nennen darf, muss man schließlich eine 120 Stunden umfassende Ausbildung absolvieren: 50 Stunden beim Landessportbund und 70 Stunden bei den Verbänden, sagt Siegfried Kadow, Präsident des Fachverbandes Wandern Berlin. Damit das Wissen über Flora und Fauna nicht welkt, müssen Wanderleiter alle vier Jahre zur Nachschulung. „Fast wie beim Pilotenschein“, sagt Stegmann lächelnd. Karten hat er immer dabei, und eine Erste-Hilfe-Ausrüstung.

Und dann geht es in gemächlichem Tempo los, so vier, fünf Kilometer in der Stunde. Viele ältere Frauen wandern jetzt mit, „da bilden sich auch neue Freundschaften“, sagt Stegmann und grinst. Und wenn andere mal vor lauter Flirten und Reden aus der Puste kommen, „gibt es ja immer noch Bus und U-Bahn“.

Manche spurten ganz anders los. Jene Wanderer, die Strecken nur deshalb hinter sich bringen, um sich Stempel fürs Routenbuch abzuholen. Aus DDR-Zeiten stammt eine andere Tradition: Die 100-Kilometer-Läufe, da wird tags wie nachts gelaufen. Stegmann fühlt sich bei den Naturfreunden wohl, dem einst aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Verein. „Aber Weltanschauungsunterricht gibt es bei uns nicht.“ Dafür kann der Wanderleiter aus Wedding eine Menge über Bürokratie erzählen.

Da wuchere ein wahrer Dschungel in Berlin: Wenn ein Verein eine Tour organisiert, reiche es nicht, eine Behörde zu informieren. Da wären also die Forsten, dann der Bezirk, nicht zu vergessen die untere Naturschutzbehörde, das Tiefbauamt und die Polizei. Einmal wollten die Forsten gar Eintritt für einen naturkundlichen Trip durch den Treptower Park kassieren. Und als ein Verein früher am Wegesrand Erbsensuppe für drei Mark anbot, meldete sich sogleich der Fiskus.

Dagegen sind die Scherze von Großstädtern, die Markierungen an Bäumen verdrehen und die Leute in die Irre schicken, leicht zu verkraften. Aber auch dann hat ein Profi den passenden Spruch parat: „Ich sage immer: Da, wo der Wanderleiter langgeht, ist der Weg richtig.“

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