Berlin : Rabu Kat kaneh!

Seit sechs Stunden sind sie eingeschlossen. Es ist kurz vor Mitternacht. Da unterbricht ein staubiger Husten Professor Bernsteins Geständnis. Die letzte Geschichte – von einem, den vor hundert Jahren ein giftiger Pfeil traf

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Beruhigen Sie sich, meine Liebe“, sagte Professor Bernstein zu Ida Meier, die verzweifelt vor sich hin schluchzte. „Nicht Sie sind die Ursache dafür, dass wir hier eingeschlossen sind. Es gibt einen ganz anderen Grund, und ich werde ihn jetzt enthüllen." Alle blickten irritiert zum Professor hin. Der rückte halb stolz, halb verlegen seine Krawatte zurecht und wollte gerade fortfahren, als er von einem staubigen Husten unterbrochen wurde, das von einer der Masken kam. Günter Rosario leuchtete mit der MiniTaschenlampe, die an seinem Schlüsselanhänger hing, nach oben. „Das kann nicht sein“, flüsterte er entsetzt. „Die Maske bewegt sich!“ Und tatsächlich: Der Mund der Maske zuckte. Erst der rechte, dann der linke Mundwinkel, dann öffneten sich langsam die hölzernen Lippen. Und genau in dem Moment, als der Zeiger von Maries Uhr auf 12 rückte, begann die Maske zu sprechen. D.N.

* * *

„O Landsleute, zu lange erwarte ich euch, seid meine Zeugen in der einen Stunde, in der ich erscheinen darf! Weichet nicht vor meinem hölzernen Mund. Auch mich hat die Maske einst durch das Feuerrot und schillernde Blau ihres Federkranzes begierig gemacht.

Veronika, meine Liebste, servierte im Café Josty. Ihr Stammgast Dr. Behrmann suchte für die Kaiserin-Augusta-Expedition einen Koch. „Am besten einer mit Marsch-und-Feld-Erfahrung.“

Was war 1911 schon der ewige Kohl gegen eine frische Kokosnuss in Deutsch-Neuguinea? Meine Abenteuerlust trieb mich bis zum Geografieinstitut. „Unteroffizier der Reserve ist Er und kocht in der Charité? Dann wird das Reichskolonialamt nichts einzuwenden haben.“ Und Behrmann schlug ein.

Veronika versüßte mir den Abschied am Überseekai. „Ick wart uff dir. Aber bring mir wat Schönet mit!“ Mit sechs Forschern fuhr ich um die halbe Welt zu palmenbestandenen Stränden. Seit achtundzwanzig Jahren besaßen wir Deutschen den Nordosten Neuguineas, doch der allergrößte Teil der Kolonie war unbekannt. Gab es Gold, Phosphate, Erdöl? Guten Boden für Bananen, Zuckerrohr, Kakao? Der Gouverneur stattete uns mit 120 Papua-Soldaten aus.

Ende Februar 1912 verstaute ich Proviant für Monate im Expeditionsschiff Komet. Aus dem Kaiser-Wilhelms-Land ergoss sich der Sepik auf einer Breite von vielen tausend Metern in den Pazifik; den großen Strom fuhren wir hinauf ins unbekannte Innere. Wochenlang loteten wir zwischen Treibholz braunes Wasser nach Sandbänken aus, sahen wir nichts als endloses Sumpfland. Quälten uns tagsüber Moskitoschwärme so dicht wie Vorhänge, so quälte mich nachts die Sehnsucht nach Veronika.

Die Vorräte nahmen ab, der Urwald bot außer Taubenvögeln keinen Proviant. Endlich entdeckten wir ein Eingeborenendorf auf Hügeln an einer Flussbiegung. Fünf Kilometer stromaufwärts rodeten wir das Ufer für ein sicheres Hauptlager. Bald sprangen Männer, Wildkatzen gleich, aus dem üppigen Grün, Bast schürzte ihre Scham und Muschelketten baumelten an schwarzbraunen Hälsen. Einer griff scheu Behrmanns Arm, wischte ungläubig mit Wasser übers Weiß seiner Haut. Selbst Dalagan, dem Dolmetscher für die Papua-Soldaten, half nur Zeichensprache. Sie luden uns ins Dorf Malu.

Große Häuser auf Pfählen standen um einen freien Platz, die Hauspfosten zierten geschnitzte Papageien und Krokodile. Die Bäuche der Frauen und Kinder waren mit Narben geschmückt, sie tanzten nackt in Reihen, andere rieben sich Nase und Nabel. Behrmann bückte sich nach allen Seiten und imitierte den Gruß. „Meine Herren, rühren Sie nichts an. Vieles gilt als tabu.“

Unsere Tontöpfchen mit roter Farbe waren heiß begehrt. Zwei Äxte aus Metall, das hier noch völlig unbekannt war, brachten uns so viel Zuneigung, dass uns der Häuptling ins Männerhaus lud. Dessen Firste ragten an den Stirnseiten hoch auf. Im Inneren schmückten prächtige Federmasken das Dach. Überall lagen Gerätschaften, Pfeile, bunte Steine, schwer zu sagen, ob Waffen oder Handwerkszeug. Der Häuptling reichte einen ledernen Beutel herum. Dr. Behrmann gab ihn weiter: „Tun wir, als ob wir tränken!“

Der Häuptling tanzte den Frauen voran zu einem Sagofeld am Rande des Dorfes. Über einem Feuer grillte ein Schwein an einem Spieß. Erst sangen die Männer, dann die Frauen im Chor. Das Fleisch wurde gebracht. Dann trommelten die Männer auf Tierhäuten und bliesen auf ausgehöhlten Bambusstämmen. Stunde um Stunde.

Die Forscher begeisterten sich, unsere Papua-Soldaten wackelten mit den Köpfen. Mir wurde es lang. Ich rückte ein wenig ab, dann immer weiter. Hatte ich Veronika nicht ein Mitbringsel versprochen? Eine olle Muschelkette würde sie nicht glücklich machen. In einem Koben grunzten Schweine, von fern hörte ich die Gesänge. Ich schlich über den gekerbten Stufenbaum ins Männerhaus. Unter dem First hing eine Maske mit schillernd blauem Kranz, in dem feuerrote Federn wie Blitze leuchteten. Ein Fächer daraus vor Veronikas grünen Augen – fast fühlte ich meine Liebste im Arm. Ich reckte mich. So seidig, so leicht ... Die hatten doch genug davon.

„Nicht!“ Dalagan, unser Dolmetscher, kauerte vorm Eingangspfosten. „Sachen in Haus tabu für Fremde.“ Was schnüffelte der mir nach? Ich stülpte mir die Maske über den Kopf, trat ins Freie, holte mit der Faust aus. In dem Moment sirrte etwas an mir vorbei, durchbrach den Federkranz und fiel neben meine Füße. Ein Speer. Hinter mir schwankten ein paar weiße Muscheln einer Kette, den Krieger konnte ich nur erahnen.

„Ich sagen Behrmann!“ Dalagan sprang davon. Mich als Dieb bloßstellen? Ich packte den Speer, warf. Er flog schnell, traf ihn im Rücken. Dalagan sackte zu Boden, ein Blutschwall erstickte seinen Schrei. Die Gesänge am andern Ende des Dorfes kippten über in wütendes Gekreisch. Ich rannte zur Barkasse am Fluss. Verbarg hastig die Maske in einer Vorratskiste. Dann pirschte ich am Sagofeld vorbei und mischte mich unter die Malu, die zum Männerhaus stürzten. Dort brüllte einer: „Rabu Kat kaneh!“

„Hier rüber, sie dürfen uns den Weg zum Boot nicht abschneiden. Schnell.“ Als hätten wir das Manöver zigfach geübt, brachte Behrmann die Papua-Soldaten in Kampfordnung. Ich rief: „Habt ihr die abgelaugten Totenköpfe gesehen, die in den Winkeln der Häuser hängen?“

Außerhalb der Wurfweite ihrer Speere standen wir achtzig Kriegern gegenüber. Unsere Soldaten legten an. Der Häuptling spreizte die Finger an den Wangen ab. „Rabu Kat kaneh.“ Nur ich verstand, dass er die Maske meinte.

„Feuer!“ Die Schüsse verhallten, zwei Krieger brachen zusammen. Die Malu stoben auseinander. Dann zündeten wir das Versammlungshaus an. Heiß loderten die Flammen und zehrten die Bastmatten auf. Da kehrten Malu aus dem Urwald zurück, warfen sich auf die rote Erde, schlängelten sich zwischen unseren Beinen durch, jammerten: „Kubiai.“

Die Soldaten ruderten uns in der Barkasse über den braunen Fluss zurück. Ich saß auf der Vorratskiste. „Ob der Rauch die Moskitos vertrieben hat?“ Behrmann stand mit erhobenem Haupt am Bug. Da schoss ein Einbaum aus dem Schilf hervor. Ein mit Asche bemalter Krieger hob auf dem schwankenden Holz einen Bogen. „Deckung!“, schrie ich. Behrmann warf sich nieder. Doch der Pfeil traf mich. In den Mund.

Das Gift wirkte sofort. Mein Körper kippte vornüber in den Fluss, dabei löste meine Seele sich. Ich sah wie Behrmann sich mühte, meinen Leib aus dem Sepik zu ziehen, wie er die Ruderer zu größter Eile antrieb, blind für das Heck. Der Krieger aber kniete ehrfürchtig in seinem Einbaum. Ein Gesicht stieg aus der Vorratskiste auf. Nase, Augen, Mund glichen den Malu. Flämmchen loderten feuerrot und schillerten blau. „Ich bin Rabu Kat. Urahn meines Volkes. Du hast mein Federgesicht geraubt, hast gemordet. Weil du schwiegst, wurde meiner Kinder Haus verbrannt. Solange du vor deinem eigenen Stamme schweigst, wirst du an mich gebunden sein.“ Die bunten Flämmchen rasten auf mich zu – und dann, versteht ihr?, fand ich mich in der Maske gefangen. Hörte mit den gemalten Ohren, sah mit den geschnitzten Augen.

Meine Leiche begrub Dr. Behrmann unter einem Holzkreuz vor den Krokodilen tief genug im Sand. Später entdeckte er die Maske in der Vorratskiste.

Jetzt erst stellt man Rabu Kats Maske im Museum aus. Ich habe gebüßt bis zur heutigen Nacht. Ihr Zeugen löst mich von Federkranz und Holz. Sehet meine alte Gestalt, ich stattlicher Mann mit Zwirbelbart war einst ein Koch ... Veronika, Liebste ... Sehet, wie ich schwinde ... Weh euch, wenn ihr die Seelen der Masken nicht ehrt!“

* * *

Kyra, die Rumänin, stieß einen wilden Schrei aus und sprang auf. Wie von Sinnen rannte sie vom Männerhaus, über dem eben noch die Gestalt eines beleibten Mannes mit Zwirbelbart zu sehen gewesen war, zur Glastür und rüttelte daran. Wider Erwarten öffnete sich die Tür sofort, und Kyra fiel beinahe nach hinten. „Die Tür ist auf!“ rief Jürgen Schulze und drehte sich zu Professor Bernstein um. „Was soll das alles, Alter?“, herrschte er ihn an. „Raus damit, du weißt doch was!“

Professor Bernstein stand aus dem Schneidersitz auf. „Liebe Freunde“, sagte er. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Der Übeltäter bin ich. Ich habe meinen Bekannten, den obersten Aufseher, gebeten, die Türen bis Montag früh geschlossen zu halten. Ich wollte etwas ausprobieren.“

„Was?“ fragte Ida Meier fassungslos.

„Sie wissen doch, ich bin Ethnologe. Die Kambringi auf Neuguinea versammeln sich des Nachts vor ihren Männerhäusern und erzählen Geschichten. Ich wollte sehen, ob das auch in Europa funktioniert.“

„Aber der Geist, Herr Professor, der Geist!“, rief Jonas. „Haben Sie den Geist auch bestellt? Und warum ist die Tür jetzt schon auf?“

Professor Bernstein wurde sehr blass.

* * *

Die Geschichte von Carlo de Luxe wird heute um 10 Uhr 45 im Kulturradio des RBB gesendet.

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