Berlin : Radikalkur für das Märkische Viertel

Heute startet Sanierung für 440 Millionen Euro Wachsende Probleme in der Großsiedlung Marzahn

Christina Kohl

Das lauteste ist das Geplätscher des Brunnens und die gurrenden Tauben. Nicht, dass das Märkische Zentrum, das Einkaufszentrum im gleichnamigen Viertel im Reinickendorfer Osten, schlecht besucht ist. Hier wollen am heutigen Montag Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Modernisierung der Siedlung starten.

Das Märkische Viertel (MV) wurde in den Sechzigerjahren errichtet. Nach dem Bau der Berliner Mauer wurde Wohnraum benötigt im eingekesselten Westteil der Stadt, etwa 40 000 Menschen zogen in die hohen weißen Türme am Wilhelmsruher Damm und Umgebung. Viele der Mieter von damals leben noch immer hier, Familien aus anderen Stadtteilen kamen hinzu. Ein britischer Investor sanierte das Einkaufszentrum, seit 2002 stehen mehr als 10 000 Quadratmeter zusätzliche Verkaufsfläche zur Verfügung. Heute gibt es hier Filialen von H&M und Fielmann, Aldi und real, Rostbratwürste und Schnittpizza. An den Kassen der Supermärkte und Imbisse stehen die Menschen Schlange an diesem frühen Nachmittag. Die Bänke rund um die Kastanienbäume auf dem sonnigen Innenhof sind gut besetzt. Von alten Damen mit Gehwagen, von umherschauenden Herren mit lichtem Haar und Großeltern, die ihrem Enkelkind ein Eis in die Hand drücken.

Nahezu 440 Millionen Euro will das städtische Wohnungsunternehmen Gesobau in den kommenden acht bis zehn Jahren ins Märkischen Viertel stecken: für die Wärmedämmung von Fenstern und Fassaden, energiesparende Heizungsanlagen und Heizkörper, neue Bäder, Flure und Hauseingänge. Mehr als 13 000 Wohnungen steht die Modernisierung bevor, 400 sind im Rahmen eines Pilotprojekts schon fertig. In einer Infobox auf dem Stadtplatz gegenüber dem Märkischen Zentrum werden die Pläne präsentiert.

Investitionen, die sich lohnen, sagt Gesobau-Sprecher Matthias Gaenzer, für die Mieter, für die Umwelt, für die Zukunft des Viertels. Nötig hat das nicht nur die Großsiedlung in Reinickendorf, große Probleme gibt es auch im Gegenstück in Marzahn. Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf wurde zwar in den vergangenen Jahren viel Geld in die Sanierung gesteckt, 30 Millionen Euro allein in den Rückbau der Plattenbauten zu den Ahrensfelder Terrassen. Doch nun, da die Wohnungen erneuert und Einkaufszentren errichtet wurden, wandern die Leute ab. Zumindest die, die Arbeit haben. Jetzt leben vor allem Arbeitslose und Ältere hier. Dabei hatte Marzahn vor zehn Jahren noch das höchste Durchschnittseinkommen aller Berliner Bezirke, jetzt liegt die Arbeitslosenquote bei 13, 9 Prozent. Im Märkischen Viertel liegt sie nach Angaben der Gesobau bei 13 Prozent. Problematisch ist aber hier wie da die hohe Zahl der Langzeitarbeitslosen. Wird Marzahn zum Negativ-Beispiel für die Entwicklung des Märkischen Viertels?

Nein, sagt Gesobau-Sprecher Gaenzer entschieden: „Das Märkische Viertel ist ein zutiefst bürgerlicher Kiez, die Leute leben gern hier.“ Mieter bestätigen das: „Ich bin zufrieden“, sagt ein Frührentner, der jeden Tag in das nahe Märkische Zentrum kommt, um Menschen zu treffen. Eine 76-Jährige freut sich über die kurzen Wege zu Supermärkten und die neu aufgestellten Bänke in den Innenhöfen des Viertels, „für die alten Leute“.

Im Gegensatz zu Marzahn-Hellersdorf, wo überdurchschnittlich viele Wohnungen leer stehen, liegt das Märkische Viertel mit fünf Prozent im Berliner Mittel. Ein Rückbau oder gar Abriss der Hochhäuser kommt für die Gesobau deshalb nicht infrage. Insgesamt sind aber 650 Wohnungen ohne Mieter. Laut Gaenzer betrifft das vor allem Wohnungen zwischen 80 und 90 Quadratmeter. Die Gesobau wirbt deshalb um Familien – die Klientel, für die das Viertel ursprünglich gebaut wurde.

Der Reinickendorfer Bezirksstadtrat Frank Balzer (CDU) sitzt regelmäßig an einem Tisch mit den Planern der Gesobau. Deren Belegungspolitik beurteilt er kritisch. „Sicherlich muss es das Ziel sein, die Wohnungen im Märkischen Viertel an den Mann, die Frau und auch an die Familie zu bekommen“, sagt der Baubeauftragte des Bezirks, „aber die soziale Mischung muss stimmen.“ Balzer befürchtet den weiteren Zuzug von großen Migrantenfamilien. Nach Kenntnissen des Politikers lebten in den Wohnungen der Gesobau sehr viele Mieter, die staatliche Transferleistungen beziehen, also zum Beispiel Empfänger von ALG II. Er habe schon von Menschen die Sorge gehört, das Viertel würde kippen, sagt Balzer. Es drohe ein sozialer Brennpunkt.

Trotzdem – die Verantwortlichen im Reinickendorfer Rathaus begrüßen die Investitionen. „Das Viertel ist in die Jahre gekommen“, sagt Stadtrat Balzer. Für die Mieter bedeutet das nicht nur mangelnder Komfort, sondern auch hohe Kosten. Liegt die Netto-Kaltmiete mit etwa 4 Euro 20 noch im Berliner Durchschnitt für einfache Wohnlagen, sind die „warmen“ Betriebskosten mit durchschnittlich 1 Euro 50 pro Quadratmeter im Monat fast doppelt so hoch wie der Mittelwert der Stadt. Das schreckt potenzielle Mieter ab.

Die Einwände des Stadtrats kann Gesobau-Sprecher Gaenzer nicht nachvollziehen. Die meisten Wohnungen seien für Hartz-IV-Empfänger zu teuer, um von den Ämtern bezahlt zu werden. Daran wird sich auch künftig nichts ändern. Bei der Gesobau rechnet man zwar mit geringeren Betriebskosten, dafür erhöht das Unternehmen wegen der Sanierungsarbeiten die Brutto-Kaltmiete. Unterm Strich zahlen die Bewohner drauf. Das nimmt offenbar nicht jeder hin: 60 der bereits sanierten Wohnungen stehen jetzt leer – weil die Mieter ausgezogen sind. Christina Kohl

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