Berlin : Radio zum Gucken

Live-Sendung mal anders im Heimathafen Neukölln.

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Erst ist es mucksmäuschenstill. Dann die ersten Klatscher, mitten in die 19-Uhr-Nachrichten hinein. Claudia Jakobshagen, Radio-Eins-Nachrichtensprecherin, verliest die Meldung von den Käfern, die den Bau von Stuttgart 21 blockieren. Dann die FDP-News. Gejohle. Danach Wetter und Verkehr. Das Publikum im Heimathafen Neukölln im alten Saalbau an der Karl-Marx-Straße lauscht aufmerksam – und erfährt von unbeleuchteten Lkws auf Standstreifen. Applaus von 800 Händen im Saal.

Das Radio-Eins-Team um Sendeleiterin Britta Steffenhagen hat sich an ein Format gewagt, das am Freitagabend Premiere vor ausverkauftem Haus feierte: eine zweistündige Radiosendung – inklusive aller Jingles, Einspieler und Musik – live auf der Bühne.

Die emsige Steffenhagen, die die Sendung konzipiert hat, geleitete die Zuschauer durch den Abend und stellte dabei die Moderatoren Marco Seiffert und Tom Böttcher etwas in den Schatten. Der „MiniminiminiBEATclub“, die famose Live-Band aus Udo Schöbel und Peter Wehrmann, lieferte mit Hintergrundgedudel, Lautmalereien und Beats das Grundgerüst für die Show: Sie ersetzten alles, was sonst aus der Konserve kommt. Laing, die Berliner Popband, die mit „Morgens immer müde“ bekannt wurde, überzeugte zwar, spielte aber mit drei Liedern (in zwei Etappen) gefühlt immer eins zu viel. Der Comedian Sebastian Nitsch philosophierte über Beschriftungen auf Haarshampoos. Und Schauspieler Stefan Kaminski zeigte eins seiner Live-Hörspiele. Das war technisch beeindruckend gemacht, mit einer Viertelstunde aber etwas zu lang geraten. Ein Publikumsrenner war die erste Radioshow aber schon: Der Premierenapplaus wollte kaum enden.

Bei der Entwicklung des Konzepts der Live-Sendung stand der Film „Robert Altman’s Last Radioshow“ Pate. Darin geht es um die legendäre, live auf der Bühne produzierte Radioshow von Garrison Keillor „A Prairie Home Companion“, die in den USA wöchentlich fünf Millionen Hörer erreichte. Eine ganz schön hohe Messlatte für den Radio-Eins-Ableger. Etwas weniger quatschig-kalauerig, etwas spannendere Gespräche, und der Abend könnte eine feste Größe in der Stadt werden – immer vorausgesetzt, es bleibt nicht beim einmaligen Versuch. Beim Sender heißt es jedenfalls, dass Fortsetzungen durchaus folgen können. Jens Uthoff

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