Berlin : Rädermangel bei der U-Bahn: China kauft den Weltmarkt leer

06.06.2007 00:00 UhrVon K. Kurpjuweit, M. Honert

Die BVG muss ihre Züge verkürzen, weil wichtige Ersatzteile fehlen Fahrgäste drängen sich in überfüllten Waggons

Die Fahrgäste merken es täglich: In den U-Bahnen gibt es zu den Stoßzeiten oft kaum noch einen freien Platz. Die BVG setzt inzwischen selbst auf der nachfragestarken Linie U 2 zwischen Ruhleben und Pankow häufig Züge mit nur sechs statt der üblichen acht Wagen ein. Dieses Mal geht es aber nicht vordringlich darum zu sparen. Dem Verkehrsbetrieb sind schlicht die Räder und Achsen ausgegangen. Abgenutzte Teile können deshalb nicht ausgetauscht werden, so dass Fahrzeuge aus dem Betrieb genommen werden müssen. Der Stahlmarkt ist weltweit leergekauft – von China.

„Derzeit werden keine Achsen und Räder angeboten“, sagte BVG-Vorstand Thomas Necker dem Tagesspiegel.

Und die Lieferfristen seien von den Herstellerfirmen verlängert worden. Die gewaltige Nachfrage nach Stahl durch China, wo die Wirtschaft boomt, habe den Weltmarkt leergefegt. „Stahlmangel ist schon seit über einem Jahr ein Problem“, bestätigt Reinhard Pätz, Geschäftsführer des Verbandes der Maschinen- und Anlagenbauer Nord-Ost (VDMA). „In den letzten Monaten hat sich die Situation auf dem Markt aber noch einmal verschärft.“ Doch auch wegen der weltweiten Konjunktur habe sich die Nachfrage erhöht – schneller als die Rohstoffe gefördert werden können. Als Folge seien nicht nur die Preise gestiegen, auch die Zulieferer könnten nicht mehr in dem Maße arbeiten, wie sie gerne möchten. Erschwerend komme hinzu, dass auch an Edelmetallen und Gussteilen derzeit großer Mangel herrsche.

Überall habe die BVG versucht, Radsätze zu kaufen – auch in Australien oder Amerika. Doch von überall seien Absagen gekommen. Erst im Herbst werde sich die Lage wohl entspannen, sagte Necker – bei dann wohl höheren Preisen. So lange muss die BVG improvisieren und durch kleinere „Kunstgriffe“ versuchen, auch Züge weiter fahren zu lassen, deren Radsätze getauscht werden müssten. Da Sicherheit aber Priorität habe, müssten Bahnen, die nicht weiter eingesetzt werden können, auf dem Abstellgleis bleiben. Und Reserven hat die BVG kaum noch, weil die Kosten dafür gespart wurden.

Um den Fahrplan halten zu können, setzt die BVG dann kürzere Züge ein, die sie möglichst in den verkehrsschwächeren Zeiten fahren lassen will. Auf der Linie U 3 (Krumme Lanke – Nollendorfplatz) gibt es deswegen Probleme. So werden vor Vorlesungsbeginn der FU die Züge auf der Station Heidelberger Platz fast gestürmt, wo die Fahrgäste von der S- auf die U-Bahn umsteigen.

Verschärft wird die Wagenknappheit durch die Qualitätsprobleme bei den bestellten neuen Bahnen. 20 Züge zu je vier Wagen, die durchgängig begehbar sind, hat die BVG für ihr Kleinprofilnetz der Linien U 1 bis U 4 bei Bombardier in Hennigsdorf bauen lassen. Weil die Achslager aber nicht so lange halten wie es die BVG gefordert hat, nimmt sie, wie berichtet, die Züge seit Monaten nicht ab. Sie stehen nun auf dem Werksgelände. Die Verhandlungen mit Bombardier sind noch nicht abgeschlossen. Die BVG will für den verzögerten Einsatz der Züge der Baureihe HK auch Schadenersatz von Bombardier. Intern wird der Schaden mit einem zweistelligen Millionenbetrag angegeben.

Die gleichen Probleme hatte es auch bei den Linien U 5 bis U 9 gegeben, auf denen die Züge breiter sind als im Kleinprofilnetz. Dort hatte die Technische Aufsichtsbehörde kurzfristig 23 Züge vorübergehend stilllegen lassen, bis die vorzeitig verschlissenen Achslager von der BVG erneuert worden waren. Die BVG hatte deshalb den Ferienfahrplan über die Osterfeiertage hinaus ausgedehnt. Inzwischen läuft aber alles wieder planmäßig.

Die S-Bahn ist vom Engpass auf dem Stahlmarkt – noch – nicht betroffen. Sie habe derzeit einen ausreichenden Vorrat an Achsen und Rädern, sagte ein Sprecher. Und auch die Straßenbahn der BVG hat weniger Probleme. Sie kann noch Radsätze von Fahrzeugen abmontieren, die abgestellt sind und verkauft werden sollen.

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