Berlin : Ralf Grzibeck (Geb. 1947)

Er sah den Dingen an, was in ihnen steckte. Den Menschen auch.

Anselm Neft

Auf den ersten Blick bietet der Vorort im Norden Berlins nichts Ungewöhnliches: kleine, einstöckige Häuser, breite, leere Straßen. Zwischen zwei Gartenzwergidyllen wuchert jedoch ein Haus aus dem Boden, das den Betrachter kurz an seinem Verstand zweifeln lässt. Zwei Giebel, nein drei, oder wohl doch vier. Wo ist vorne, wo hinten? Eine Ranch, eine Waldorfschule, moderne Kunst? Wer baut so etwas?

Ralf Grzibeck baute so etwas. In seiner Freizeit, nach acht, neun Stunden als Betreuer psychisch kranker Krimineller.

Mit dem Gehalt eines Sozialarbeiters lassen sich keine Villen bauen. Ralf aber kam nah daran. Er sammelte auf Flohmärkten, Schrottplätzen und beim Sperrmüll Fenster, Bretter, Geländer, ganze Treppen und hämmerte die Einzelteile zu seiner Villa Kunterbunt zusammen. Er sah den Dingen an, was man aus ihnen machen konnte, was in ihnen steckte. Den Menschen auch. Er konzentrierte sich nicht darauf, ob jemand einen Kaufhausdetektiv angefallen, ob jemand seine Eltern getötet oder Frauen vergewaltigt hatte. Er konzentrierte sich darauf, was Nützliches in ihm steckte. Ob er eine Wand streichen, eine Flex bedienen oder zumindest Steine schleppen konnte.

Ralf sammelte Steine. Er fuhr mit einem Anhänger durch die Uckermark zum Findlingefinden. Nun liegen die Brocken in seinem Garten. Tonnenweise. Neben unverbauten Latten, Dielen, Brettern, Rahmen und Platten.

Im Gegensatz dazu: die sterilen Flure des Wilhelm-Sander-Hauses auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Manche Fenster sind vergittert, alle aus 20 Zentimeter dickem Panzerglas. Wer hier hinkommt, hat Probleme, von denen andere nur albträumen können.

Ralf regte sich über menschliche Schwächen nicht auf. Er war kein wütender Mensch. Ende der Neunziger untersuchten Ärzte ein Augenödem und diag nostizierten Krebs. Wegen einer Chemotherapie zogen sie Ralf alle Zähne. Bei einer neuen Untersuchung stellte sich heraus, dass er gar keinen Krebs hatte. Freunde rieten ihm, die Ärzte zu verklagen. Mindestens 10 000 Euro könne er da rausholen. Ralf sagte: „Ach, Schwamm drüber.“

Nur über das System, die Ungerechtigkeiten – darüber konnte Ralf sich aufregen. Als die Nervenklinik vom Gesundheitskonzern Vivantes übernommen und privatisiert wurde, litt Ralf unter dem neuen Schwerpunkt: Wirtschaftlichkeit. Aus Pförtnern wurden Auskunftsassistenten, und Ralfs Projekt, ein Bücherwagen für die Patienten, sollte weg. Ralf ließ nicht locker. Er baute aus kostenlos beschafften Materialien einen neuen schöneren Wagen. Ein Freund laserte das Wort „Erlesenes“ in die Seitenfläche. Tatsächlich: der neue Wagen durfte bleiben.

Nicht nur deswegen erinnern sich ehemalige Patienten aus „Bonnies Ranch“ gerne an Ralf. „Der hat einem richtig jeholfen“, sagt ein junger Mann. „Der war der Einzige, mit dem man vernünftig reden konnte“, erzählt eine an Schizophrenie erkrankte Frau. Für Ralf war die Psychiatrie ein Auftrag, eine Aufgabe, die nicht allein durch Chemie zu bewältigen war. Er hinterfragte Lehrmeinungen und Theoriegebäude. Eigentlich hinterfragte Ralf alles. Er hatte mal eine Osho- Phase gehabt, nach Indien war er gefahren, auch nach Lhasa in Tibet. Letzten Endes siegte aber immer seine Skepsis. Gesellige Runden belebte Ralf durch seine Fragen. Von sich selbst sprach er kaum.

Freunde wussten, dass er mit seiner Mutter und einer Tante in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in Wedding aufgewachsen war. Ralf war sieben, als der Vater verschwand. Später suchte er noch einmal den Kontakt, aber vergeblich.

Ralfs Mutter war sehr sparsam und konnte ihm ein Erbe hinterlassen. So besaß Ralf mehrere Wohnungen, die er mit Schwung renovierte. Das, was Freunde „süchtiges Bauen“ nannten, fing aber erst an, als Ralf den täglichen Weißwein aufgab. Das Trinken hatte ihn bereits den Führerschein gekostet. Ralf fuhr trotzdem weiter Auto. Fünf Jahre lang, bis ihm eine Frau reinfuhr, deren Sohn Polizist war. In Ralfs Augen waren die Gesetze für den Menschen gemacht und boten entsprechenden Interpretationsspielraum. Für seinen Wolpertinger von einem Haus fehlt bis heute die Baugenehmigung. Ein Nachbar hatte über das ständig wachsende und sich verändernde Gebäude geklagt: „Gestern war dort noch ein Balkon, und dort kein Schornstein, und dort, wo jetzt zwei Zimmer sind, eins. Ich werde wahnsinnig.“ Der Streit mit den Behörden zog sich hin bis zu Ralfs Tod.

Mit 61 starb er auf einem Flug nach Palma, vermutlich an einem zweiten Herzinfarkt. Gisela, Ralfs Lebensgefährtin seit 35 Jahren, sitzt rauchend am Kaffeetisch, umzingelt von Büchern, die Ralf sammelte, als wären es Steine. Als sie vor vielen Jahren anfing Stimmen zu hören und sich innere und äußere Wirklichkeit immer wieder vermischten und vertauschten, hat Ralf das getan, was er konnte: ihr Leben so organisiert, dass es möglichst angenehm blieb.

Mit Baumaterialien und belasteten Menschen wusste Ralf umzugehen. Mit Geld nicht. Das Haus gehört längst der Bank. Sie wird es abreißen lassen. Anselm Neft

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