Randsportarten während der WM : Ferner liefen

Rekordquoten, Rekordeinnahmen, Spiele als weltweite Straßenfeger: Der Fußball steht im Zenit. Leidet darunter die Aufmerksamkeit für andere Sportarten? Ein Streifzug durch das Berlin der Tänzer, Turner und Tennisspieler.

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Ball angucken. Wie nutze ich den Spin? Yannick Sprengel, Hertha BSC, kommt beim Vorranglisten-A-Turnier des Berliner Tischtennisverbands bis ins Viertelfinale.
Ball angucken. Wie nutze ich den Spin? Yannick Sprengel, Hertha BSC, kommt beim Vorranglisten-A-Turnier des Berliner...Foto: Hertha BSC

Die Internetsuchmaschine als Frequenzgedankenarchiv akzeptiert die ganze Fragestellung nicht. Verkehrt sie vielmehr direkt ins Gegenteil.

Eingabe: „Sport ist mehr als Fußball.“

Antwort: „Fußball ist mehr als ein Sport.“

Was die Bedeutung von Fußball beschränken sollte, verpufft, und heraus kommt eine weitere Überhöhung des ohnehin Großen und seit vier Wochen zudem noch Allgegenwärtigen.

Dennoch stimmt die Behauptung, dass Sport mehr ist als Fußball. Zigtausende Berliner wissen das aus eigenem Erleben. In der Stadt gibt es 79 Sportverbände, daneben ungezählte Sportarten in unorganisierter, vereins- oder verbandsloser Form. An nahezu jedem Wochenende finden in der Region Turniere statt, bei denen es nicht weniger leidenschaftlich zugeht als bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – selbst, wenn die zeitgleich stattfindet.

1. Station: Tischtennis

Yannick Sprengel jault auf. „Ich bring mich um, ich spiel so schlecht!“ Der Ball ist über die Platte hinausgeschossen und davongehoppelt. Schon wieder. Der Elfjährige lässt die Hand mit dem Schläger sinken und verdreht die Augen, dann ein rascher Blick zum Trainer. Fragend: Was soll ich tun?

Konzentration! Er muss sich konzentrieren. Aber der Tag ist schon so lang. Um 13 Uhr ist es losgegangen, jetzt ist es nach halb fünf. Und jetzt geht es im Grunde erst los, erst jetzt ist die Stimmung hitzig, schreien Spieler sich die Anspannung aus dem Leib, sind die Zuschauer aufgestanden, immer bereit für Zwischenapplaus. Die ersten Stunden war es ruhiger gewesen in der Turnhalle der Ernst-Reuter-Schule in Mitte, als an den neun Tischen die kompliziert und spielereich organisierten Vorrunden zum Tischtennis-Vorranglisten-A-Turnier liefen. Aber jetzt geht es um die entscheidenden Punkte.

Zurück im Spiel. Topspin mit hochgerissenem Schläger, zweieinhalb Gramm wiegt der Ball, auf den Yannick, der schließlich im Viertelfinale ausscheidet, eindrischt, wie soll der nicht über die zwei Meter 74 lange Platte hinausschießen? Indem er angeschnitten wird, so dass er sich dreht, in sich, Rotation heißt das Zauberwort. Wer ein Auge für die Rotation hat, hat Talent. Die anderen können nur üben.

Yannick spielt bei Hertha BSC. Dass das kein reiner Fußballverein ist, scheint angesichts der überragenden Bekanntheit der Bundesligafußballer erst mal nur eine Fußnote zu sein. Aber Trainer Jörg Kersten will nicht meckern. Zwar wurde das Tischtennistraining am Abend des ersten deutschen WM-Spiels vorsorglich gestrichen – an König Fußball kommt auch das Tischtennis während einer Fußball-WM nicht vorbei. Andererseits, sagt Kersten, hole der Fußball im konkreten Fall der Hertha Geld in den Verein, davon hätten die anderen Sparten – Tischtennis, Boxen, Kegeln – auch etwas.

An diesem Tischtennisturniertag sind gleich 32 Jungs aus 13 Berliner Vereinen angetreten. Die Vorrangliste der A-Schüler ist eine Qualifikation zur Landesrangliste, dem Turnier der besten zwölf. Von denen können sich dann ein oder zwei Spieler für das Top-48-Turnier des Deutschen Tischtennisbunds qualifizieren. Das klingt alles nach einer großen Organisation – unter den Berliner Sportverbänden ist der Tischtennisverband jedoch nur ein Mittelgewicht. 100 Vereine, rund 6000 spielberechtigte Verbandsmitglieder. Dagegen ist der Fußballverband ein Gigant: Mehr als 134 600 Mitglieder, die in 471 Vereinen spielen. Sichtbar wird das Bedeutungsgefälle an den Anmeldungen. Während es bei Fußballvereinen Wartelisten gibt, „steht beim Tischtennis niemand Schlange“. Mit der Konsequenz, dass unter den Spielern nicht so ausgesiebt werden kann, wie vielleicht manchmal nötig wäre. Weil man froh ist um jeden, der kommt.

Wie wird der Breitensport gefördert?

Jörg Kersten hat dabei noch einen Zusammenhang ausgemacht: Trainieren die Vereine in den Sporthallen von Grundschulen, kommen von dort genug Neugierige rüber, unter denen vielleicht Spieler sind, die sich aufbauen lassen. Trainieren die Vereine in den Sporthallen von Oberschulen, sind die Schüler, die von dort kommen und sich interessieren, ohnehin zu alt, um noch etwas zu werden.

So schlicht ist das und so folgenreich für die Sportstadt Berlin und die Sportnation Deutschland, die sich – das sah man zuletzt bei Olympischen Spielen – durchaus immer schwerer tun, neben Fußballern noch andere Spitzensportler hervorzubringen. Dass daneben auch ein abwechslungsreicher Breitensport kulturell und volkswirtschaftlich ein Gewinn ist, ist eine ebensolche Binse wie jene, dass Sport den Charakter bildet. Müsste daher nicht alles getan werden, damit jeder zur für ihn idealen Sportart findet – und nicht nur, weil ein Verein zufällig in einer Grundschulturnhalle trainiert?

Die Koalitionsvereinbarung von SPD und CDU für die Berliner Politik benennt vom sozialen bis zum kreativen Berlin neun Politikfelder, für die Handlungsentwürfe beschrieben werden. Ein sportliches Berlin kommt darin nicht vor.

Was es gibt, ist ein „Solidarpakt Sport“. Mit dem soll der lokale Sport „langfristig abgesichert werden“. Für 2014 umfasst der Pakt 25,8 Millionen Euro, 2015 sollen es 26,2 Millionen sein. „Die Notwendigkeit einer angemessenen und verlässlichen finanziellen Förderung der Sportorganisationen wird damit anerkannt“, heißt es in einem Bericht der Senatsverwaltung für Inneres und Sport von 2013. Mit zusätzlichen Landesmitteln sollen die sinkenden Zuschüsse aus Lottoeinkünften aufgefangen werden. Aber bevor das nun zu sehr in Details abdriftet, am Ende sogar noch die Frage aufkommt, ob 60 Millionen Euro für eine Olympia-Bewerbung nicht anderswo sinnvoller investiert wären – hinüber zum Tennis!

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