Berlin : Reaktionen von Links: Sachschäden ja, Tote nein

Holger Wild

Der Revolutionsbedarf ist geringer in diesen Tagen. Der Laden "M 99" in der Manteuffelstraße 99, wo es außer schwarzen Klamotten auch allerhand Publikationen des linken Randes, Aufkleber gegen alles Böse der Welt und eben "Revolutionsbedarf" zu kaufen gibt, sitzen zwei junge Männer in Schwarz über Bücher gebeugt. Auf die Frage des Vertreters der bürgerlichen Presse, wie denn in der Autonomen- und Antifa-Szene auf die Terroranschläge in den USA reagiert werde, reagieren sie reserviert. Nein, dies sei hier im Laden kein großes Gesprächsthema gewesen. Seine persönliche Haltung sei, sagt der eine, dass die Auswahl des Zieles doch eine gewisse "Lustigkeit" habe. Also, dass das jetzt da nicht mehr steht, das World Trade Center. Also - wenn es nicht die vielen Toten gegeben hätte.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Was aber politisch damit erreicht werden soll, ist ihm schleierhaft. Vielleicht seien es ja die Amis selbst gewesen, die Geheimdienste? - Aber was hätten die davon? - Jedenfalls werde nun niemand mehr die Legitimität der Nato in Zweifel ziehen. - Für dieses Ziel 20 000 eigene Leute umbringen? - Naja, eher doch nicht. Er glaubt sowieso, dass irgendwelche Nazis dahinterstecken. Was in der Szene jedoch allgemein sei, sei "Lachen über die, die jetzt in die Kirche rennen".

Die Aussagen sprechen eher für Verwirrung als für Häme oder ein Gefühl von "Geschieht ihnen recht". Die Dimension des Verbrechens scheint auch den traditionellen Antiamerikanismus und Antiimperialismus der autonomen Linken erstmal sprachlos zu machen. Das sei politisch kein Thema, heißt es auch in dem linken Buchladen im Mehringhof. Die Leute säßen genauso tagelang vorm Fernseher wie alle anderen. Für eine politische Diskussion der Ereignisse sei es zu früh. Es gebe keine Flugblätter oder andere schriftliche Stellungnahmen. Aber das komme gewiss noch; wenn es nämlich um die Frage von Vergeltungsschlägen und einer eventuellen Beteiligung der Nato oder Deutschlands gehen werde. Nur über eines rege man sich einhellig auf: über die Scheinheiligkeit. Bei den Bomben auf Jugoslawien hätten die Toten nur als "Kollateralschaden" gegolten.

Ein ähnliches Bild im Internet: Während sich orthodoxe Kommunisten und Stalinisten, wie DKP oder MLPD, aufs Schärfste distanzieren, haben auf einschlägigen Seiten der Militanten die Angriffe auf die USA noch gar nicht stattgefunden. Einzig auf www.indymedia.org - einer Seite der Globalisierungskritiker - sind Stellungnahmen zu finden: zutiefst verurteilende. Unter vielen Stimmen im Forum findet sich lediglich eine, die in den Terrorakten so etwas wie eine Quittung für die Politik der USA sieht, die sie sich also selbst zuzuschreiben haben, und anmerkt, schließlich würden jeden Tag auch Zehntausende in den Dörfern der Dritten Welt am Elend verrecken. Die übrigen Beiträge aber weisen eine solche Position mit Abscheu zurück.

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