Berlin : Rechte Szene: Mindestens drei Attentate geplant

Frank Jansen

In Berlin und Brandenburg wächst die Gefahr rechtsextremen Terrors. Nach Informationen des Tagesspiegels ist die Region in den letzten neun Monaten nur knapp mehreren Anschlägen mit wahrscheinlich verheerenden Folgen entgangen. Mitte September 1999 waren Neonazis mit Brandflaschen zu einem Treffpunkt der linken Szene in Prenzlauer Berg unterwegs, kehrten aber kurz vor Erreichen des Lokals um. Im Mai nahm die Polizei einen Brandenburger Rechtsextremisten fest, der sich ein halbautomatisches Gewehr mit Zielfernrohr und Schalldämpfer besorgt hatte. Zuletzt vereitelten die Sicherheitsbehörden vor anderthalb Wochen einen Anschlag: In Berlin wurde ein Mann abgeführt, der eine Rohrbombe aufbewahrte.

Bei dem geplanten Neonazi-Angriff im September wäre nach Ansicht von Sicherheitsexperten eine Brandkatastrophe zu befürchten gewesen, die mehr Opfer gefordert hätte als die Anschläge in Solingen und Mölln. Der zur Zeit geschlossene Treffpunkt mit dem bizarren Namen "Pesthund" in Prenzlauer Berg befindet sich in einem fünfgeschossigen Altbau mit 19 Wohnungen und einer Bäckerei. Hätten die zwei Neonazis ihre Brandflaschen geworfen, wären nicht nur Besucher und Personal des Lokals in Lebensgefahr geraten, sondern auch zahlreiche Mieterinnen und Mieter sowie Kunden und Beschäftigte der Bäckerei. Wie der Tagesspiegel bei Szene-Recherchen erfuhr, gaben die Rechtsextremisten kurz vor Erreichen des Treffpunkts auf, weil sie sich beobachtet fühlten.

Mit einem Anschlag auf das "Pesthund"-Lokal wollten die Neonazis ein Fanal setzen: In der "Reichshauptstadt" hätte der bewaffnete Kampf begonnen. Die Beinahe-Attentäter werden nämlich von Sicherheitsexperten der Gruppierung "National-Revolutionäre Zellen" zugerechnet, die im Mai 1999 in einem "Interview aus dem Untergrund" terroristische Aktionen angekündigt hatte. Das (vermutlich mit sich selbst geführte) Gespräch erschien in der Neonazi-Publikation "Hamburger Sturm" und alarmierte bundesweit Polizei und Verfassungsschutz. Neben einer Rechtfertigung der Taten des Berliner Polizistenmörders Kay Diesner finden sich Sätze wie "man darf einfach nicht vergessen das wir im Krieg sind mit diesem System, und da gehen nun mal einige Bullen oder sonstige Feinde drauf".

Als Vorbild wird die englische Terrorgruppe "Combat 18" genannt, die von der britischen Polizei für mehrere Bombenattentate in London im Frühjahr 1999 verantwortlich gemacht wird. Mitglieder der "National-Revolutionären Zellen" unterhalten zudem Kontakte zu schwedischen Rechtsterroristen, insbesondere der "Nationalsocialistik Front" (NSF). Bei Neonazi-Anschlägen in Schweden kamen letztes Jahr vier Menschen ums Leben.

Den harten Kern der "National-Revolutionären Zellen" bilden nach Informationen des Tagesspiegels drei Berliner Neonazis und zwei Brandenburger aus dem nahen Königs Wusterhausen. Ein dort lebender Rechtsextremist, der mindestens zum Umfeld der "Zellen" gezählt werden muss, wurde jetzt im Mai verhaftet. Der Mann wollte von einem Mitglied der Berliner Neonazi-Gruppe "Vandalen" ein halbautomatisches Gewehr kaufen. Dieses war mit Zielfernrohr und Schalldämpfer zu einer Präzionswaffe für Attentate umgerüstet worden. Die Beamten beschlagnahmten auch die passende Munition. Nach Ansicht der Strafverfolgungsbehörden sollte das Gewehr für einen Racheakt gegen die linke Szene eingesetzt werden. Mutmaßliche "Antifa"-Aktivisten haben in Königs Wusterhausen in den vergangenen Monaten mehrmals Autos von Neonazis abgebrannt.

Vor demselben Hintergrund hat sich die Verhaftung eines erst seit kurzem in Berlin ansässigen Rechtsextremisten in diesem Juni abgespielt. Bei einer Durchsuchungsaktion fanden Polizei und Staatsanwaltschaft in einem Keller eine Rohrbombe. Sie sollte, so glauben die Strafverfolgungsbehörden, ebenfalls als Vergeltung für die Brandanschläge auf Wagen von Königs Wusterhausener Rechtsextremisten gezündet werden - unter dem Auto eines Linken.

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