Berlin : Rechtschreibung: Bei "Schifffahrt" nicht zurückrudern

Brigitte Grunert

Berlin und Brandenburg bleiben bei der neuen Rechtschreibung. "Es wäre unsinnig, jetzt wieder zurückzurudern", sagte Schulsenator Klaus Böger (SPD) gestern. Darin ist sich Böger mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) und mit Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) einig. Böger schließt allerdings wie Reiche Korrekturen nach einer Überprüfung in einigen Jahren nicht aus: "Dies wäre kein Drama und kein Ende der Reform." Wichtig sei das gemeinsame Vorgehen mit Brandenburg wegen der Schulwechsler. Senatskanzleichef Volker Kähne bestätigte: "Es gibt keine Veranlassung, von der Rechtschreibreform abzuweichen."

Diese Linie wird Böger auch bei der Tagung der Kultusministerkonferenz der Länder am 5./6. Oktober vertreten. Dort steht die Debatte um die Rechtschreibreform auf der Tagesordnung, und zwar auf Initiative der hessischen Wissenschaftsministerin Ruth Wagner (FDP). Böger erwartet jedoch keinerlei Korrekturbeschlüsse. Dazu sei es nach Meinung der meisten Sprachwissenschaftler zu früh.

Die Kultusministerkonferenz hatte verabredet, erst 2005 Bilanz zu ziehen, ob sich die Reform durchgesetzt hat oder im Lichte der Erfahrungen Änderungen nötig sind. Sie hat hierfür eine Expertenkommission eingesetzt. Daran wollen sich Böger und Reiche halten. Böger ließ sich auf Beispiele für mögliche Änderungen wie "Schifffahrt" oder "Stofffetzen" nicht ein: "Wir wollen Schüler und Lehrer nicht verunsichern." Volker Kähne wollte gar nichts von einer Debatte wissen, "die gegebenenfalls in vier Jahren geführt wird". Die Argumente gegen die Reform seien "eine Übung für Geistesartisten". Alle Schulen und der gesamte deutschsprachige Raum, die Schulbücher und Computer-Schreibprogramme seien auf die Reform eingestellt. Somit spielt auch die Kostenfrage eine Rolle. "Und so lange wir das Wort Sommerloch so schreiben wie immer, kann man auf eine weitere Diskussion verzichten", sagte Kähne.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Berliner CDU-Fraktion, Roland Gewalt, hält aus all diesen Gründen eine Korrekturdebatte ebenfalls "für verfrüht. Es wäre fatal, die Reform nach einem Jahr abzubrechen". Nur die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Eveline Neumann, warnte davor, die Diskussion zu verharmlosen oder abzuwürgen. Böger müsse seine Fürsorgepflicht erfüllen und in der KMK klären, ob die Reform weitergeführt, rückgängig gemacht oder in Details geändert werde. Lehrer und Schüler brauchten Klarheit. Sie hatte sich seinerzeit gegen die Reform gewandt.

Die umstrittenen neuen Regeln gelten offiziell seit dem 1. August 1999. In Berlin wurden sie im Vorgriff bereits zum Schuljahr 1996/97 für die Erstklässler und zum Schuljahr 1998/99 verbindlich für alle Schüler eingeführt. In der Übergangszeit bis 2005 wird die alte Schreibweise aber nicht als fehlerhaft benotet, sondern nur gekennzeichnet. Abgeordnetenhaus und Senat haben die neuen Regeln Anfang 1999 in der Verwaltung verbindlich gemacht. Nach einem Beschluss des Parlamentspräsidiums für alle Parlamentsvorlagen und Gesetzentwürfe zog Eberhard Diepgen sofort mit einem Ukas vom 4. Januar 1999 für die gesamte Verwaltung nach. Seither erscheint auch der Landespressedienst in der neuen Rechtschreibung.

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