Berlin : Reform bringt Jungmediziner in Nöte Der billige „Arzt im Praktikum“ fällt weg,

doch als Assistenzarzt ist er den Kliniken zu teuer

Ingo Bach

Eigentlich hatte der Gesetzgeber nur Gutes tun wollen: Ab dem 1. Oktober entfällt die letzte Ausbildungsphase eines Mediziners, der so genannte „Arzt im Praktikum“ (AiP). Das bedeutet, dass die Jungmediziner sofort nach dem sie mit dem dritten Staatsexamen ihr Studium beendet haben, als reguläre Ärzte arbeiten dürfen – mit dem entsprechenden Gehalt. Und das liegt für Assistenzärzte um die 2000 Euro brutto im Monat höher, als das AiP-Entgelt von knapp 1200 Euro. Doch geschaffen hat die Bundesregierung damit nach Meinung von Klinikmanagern wie Ernst-Otto Kock vom landeseigenen Vivantes-Konzern ein Chaos. Kock ist Personalgeschäftsführer. „Das Gesetz“, sagt er, „ist gut gemeint, aber so schlecht ausgeführt, dass wohl erst eine höchstrichterliche Entscheidung Klarheit schaffen wird.“

Und so liegt es in der Interpretation der Länder, ob die eigentlich 18-monatigen Arbeitsverträge der AiPler am 1. Oktober automatisch erlöschen oder zunächst weitergeführt werden können. In Berlin ist am Stichtag Schluss: „Wer jetzt als Arzt im Praktikum nicht seine Zulassung (Approbation) beantragt, der darf ab dem 1. Oktober auch keine Patienten mehr behandeln“, sagt Klaus Sommerfeld vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Deshalb solle man den Antrag so früh wie möglich stellen. Schon in der ersten Augustwoche seien fast 500 Anträge eingegangen. „Wir erwarten rund 1500 Anträge aus der ganzen Republik“, sagt Sommerfeld. Sein Amt ist zuständig für alle AiPler, die in Berlin ihr Studium abgeschlossen haben.

In Berlin arbeiten nach Angaben der hiesigen Ärztekammer rund 600 Praktikanten im weißen Kittel, und bei weitem nicht alle von ihnen werden ab Oktober einen Job als Assistenzarzt haben. Solange die AiPler billig waren, konnten sich die Berliner Kliniken einige von ihnen leisten - Vivantes zum Beispiel beschäftigt derzeit rund 150. Doch mit Assistenzarztlöhnen wird es eng. So fürchtet zum Beispiel der Verein zur Errichtung evangelischer Krankenhäuser, zu dem fünf Berliner Kliniken gehören, nicht allen AiPlern eine Perspektive bieten zu können, auch wenn man nur schwer auf sie verzichten könne. „Die Berliner Krankenkassen sind nicht bereit, die Mehrkosten zu tragen“, sagt Markus Müschenich, Medizinischer Direktor des Vereins. Doch wenn es für die Behandlungsqualität nötig sei, müsse man das Geld „woanders zusammenkratzen“.

Tatsächlich meinen die Berliner Kassen, dass es in den Kliniken der Hauptstadt im Vergleich zum Bundesdurchschnitt zu viele Ärzte gebe. Dies müsse man bei den Budgetverhandlungen berücksichtigen. Andererseits stehen laut Bundesgesundheitsministerium den Krankenkassen durch die Gesundheitsreform von 2005 bis 2007 jährlich 300 Millionen Euro für Mehrkosten zur Verfügung.

„Wir werden nicht alle AiPler mit einer Assistenzarztstelle versorgen können“, sagt auch Vivantes-Personalchef Kock. Denn das Unternehmen muss für die eigene Sanierung 130 Arztstellen streichen. Man biete jenen AiPlern, die nicht übernommen werden, an, sie nach dem 1. Oktober für die Restlaufzeit des AiP-Vertrages zu beschäftigen – zum alten Gehalt. Der Konzern versucht damit, die Stichtagsregelung zu umgehen. Dagegen protestierten bereits viele AiPler, weil sie sich als „Billigärzte“ ausgenutzt fühlen.

Antragsformulare im Internet:

www.lageso.berlin.de

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