Reformprojekt : Rot-Rot ringt um die Gemeinschaftsschule

SPD-Politiker erwägen, die Hürden für den Einstieg in die Pilotphase zur Gemeinschaftsschule zu senken. Von den Gesamtschulen mit Oberstufe wollen jedoch nur noch zwei mitziehen.

Susanne Vieth-Entus

Die Bereitschaft der Schulen, das rot-rote Reformprojekt „Gemeinschaftsschule“ auf den Weg zu bringen, bleibt hinter den Erwartungen zurück. Unter den Schulen, die an der Pilotphase teilnehmen wollen, sind nur noch zwei, die zum Abitur führen. Dies ergab eine Umfrage des Tagesspiegels unter den Schulen, die zunächst ihr Interesse an dem Modellprojekt bekundet hatten. In der SPD wird nun darüber nachgedacht, die Hürden für die Teilnahme am Modellprojekt zu senken, um mehr Schulen dafür zu gewinnen.

„Eine einfache Mehrheit würde meines Erachtens reichen“, sagte gestern auf Anfrage die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Felicitas Tesch. Bisher ist eine Zweidrittelmehrheit in der Schulkonferenz nötig, die paritätisch mit Eltern, Lehrern und Schülern besetzt ist.

Nachdem schon früh festgestanden hatte, dass kein einziges Gymnasium Gemeinschaftsschule werden will, hatten sich die rot-roten Erwartungen auf die Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe konzentriert. Im Juni dann konnte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) verkünden, es sei „erfreulich, dass auch mehrere Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe ihr Interesse bekundet haben“.

Das war’s dann allerdings auch. Nur noch die Neuköllner Fritz-Karsen- und die Treptower Anna-Seghers-Gesamtschule sind übrig geblieben. Die Charlottenburger Friedensburg-Gesamtschule, die lange als heißer Favorit galt, konnte sich noch nicht durchringen. Die ambitionierte international ausgerichtete Wilmersdorfer Nelson-Mandela-Schule begründete gestern ihren Rückzug damit, dass sie noch mitten im Aufbau und zudem auf drei Standorte verteilt sei. Auch die Spandauer Heinrich-Böll-Schule hat sich zurückgezogen sowie die Tempelhofer Carl-Zeiss-Schule.

Unklar ist noch, was aus der Rudower Walter-Gropius-Schule wird. Sie gehört – wie die Fritz-Karsen-Schule – zu den deutschen Vorreitern in Sachen „Gesamtschule“ und war dem Vernehmen nach von Senatsseite sogar ausdrücklich gedrängt worden, sich noch nachträglich am Interessenbekundungsverfahren im Sommer zu beteiligen. Allerdings hatten die Lehrer klar gegen die Teilnahme am Pilotprojekt votiert, weil „wir Angst haben, dass wir die Oberstufe verlieren, wenn wir alle Schüler zusammen unterrichten müssen“, begründete ein Lehrer das „Nein“ seiner Kollegen. Er hat kein Verständnis dafür, dass die Schulleitung dennoch die Teilnahme am Interessenbekundungsverfahren durchsetzte.

Während die Bildungsverwaltung einige Schulen zur Teilnahme ermunterte, bekamen andere Schulen Briefe, in denen sie gebeten wurden, von einer Bewerbung Abstand zu nehmen. Zur Begründung wurde darauf verwiesen, dass es Zweifel gebe, ob die Schule das „richtige“ Klientel anziehen könne. Zu diesen Schule gehörte auch die Charlottenburger Pommern-Hauptschule, die mehrfach in die Negativ-Schlagzeilen geraten war. Besser stehen hingegen die Chancen der Neuköllner Rütli-Schule, am Projekt teilnehmen zu können, weil sie eine Grund- und eine Realschule gefunden hat, die mit ihr kooperieren wollen.

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