Reha nach Gelenkoperation : So langsam geht’s wieder

Intensive Reha hilt Patienten nach einer Hüft- oder Knie-OP dabei, ihr Leben wieder selbst zu meistern. Ein Besuch in der Klinik Medical Park Humboldtmühle.

Klaus Gerbeth übt, in ein Auto einnzusteigen.
Klaus Gerbeth übt, in ein Auto einnzusteigen.Foto: Mike Wolff

Klaus Gerbeth steht neben dem Auto. Er wird es nicht fahren, es geht nur darum, das Einsteigen zu üben. Seit gut vier Wochen hat er ein künstliches Hüftgelenk. Eine Ergotherapeutin hilft ihm, die richtigen Bewegungsabläufe zu finden. „Achten Sie darauf, dass keine Rotation in der Hüfte entsteht. Sie steigen in der nächsten Zeit immer mit dem Po zuerst ein und schwingen dann beide Beine gleichzeitig rein“, sagt sie. Gerbeth versucht, genau das zu machen, was die Therapeutin sagt. Es klappt, schon sitzt er am Steuer.

„So ähnlich bin ich auch vor meiner Operation ins Auto gestiegen, wegen der Schmerzen, die ich hatte“, erzählt er. Nach fast drei Wochen Reha sei er jetzt schmerzfrei und seine Zeit in der Klinik Medical Park Humboldtmühle fast um. In Trainingsanzug, silbernen Turnschuhen und rosa Polohemd wirkt der schlanke 71-Jährige sehr fit. Schon nach eineinhalb Wochen konnte er ohne Gehhilfe laufen, was bei manchen Patienten drei Monate dauert. „Autofahren könnte ich auch schon wieder“, sagt Gerbeth und lacht dabei unternehmungslustig. Die Therapeutin schaut besorgt. „Sie wissen, dass sie erst mal drei Monate lang Beifahrer sein müssen“, warnt sie.

Das Auto, in das Gerbeth eben eingestiegen ist, steht im Erdgeschoss der Tegeler Rehaklinik, in der Abteilung ADL, für „Activities of Daily Living“. Hier lernen Patienten mithilfe professioneller Ergotherapeuten, nach einer Gelenkoperation wieder den Alltag zu meistern: Autofahren, Einkaufen, den Kofferraum be- und entladen. Gleich neben dem Übungsauto steht eine Zapfsäule, an der sie Tanken üben können. Sie schieben einen Einkaufswagen durch einen Tante-Emma-Laden und nehmen Saft, Duschgel und Putzmittel aus den Regalen, sie überqueren eine fiktive Straße auf dem Zebrastreifen oder trainieren, wie man schonend in eine Badewanne steigt oder sicher eine Dusche benutzt. Die meisten Patienten, die hier das alltägliche Leben üben, wurden vor Kurzem an Knie, Schulter oder Hüfte operiert, so wie Klaus Gerbeth. „Ich brauchte das neue Gelenk, weil ich Schmerzen hatte und keine 50 Meter mehr laufen konnte“, sagt er. „Das Schlimmste war: kein Tennis und Golf mehr.“ Der Tempelhofer wurde im Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg operiert und kam nach zehn Tagen in die Rehaklinik nach Tegel, eine von 17 ambulanten und stationären Rehaeinrichtungen in Berlin und Brandenburg, die für seine Reha infrage kamen. Er folgte der Empfehlung seines Arztes. Rund 1000 Patienten werden in Tegel pro Jahr nach einer Gelenk-OP behandelt, etwa die Hälfte am Knie, die andere Hälfte an der Hüfte. Hinzu kommen rund 50 Schulterpatienten, meist haben sie einen Gelenkersatz bekommen. Das Durchschnittsalter liegt bei 70 Jahren.

Erst geht es um Schmerzlinderung, später um Selbständigkeit

Das Ziel der Reha sei „abhängig vom einzelnen Patienten“, sagt Karsten Dreinhöfer, Experte für orthopädische Reha und Chefarzt der Orthopädie des Medical Park Berlin. „Abhängig vom Gesundheitszustand und von den gewünschten und benötigten Aktivitäten im normalen Leben werden gemeinsam mit dem Patienten die individuellen Rehaziele festgelegt.“ Dabei stehe in der Anfangsphase meist Schmerzlinderung und Verbesserung der Mobilität im Vordergrund. Später gehe es vor allem um die Wiedergewinnung der größtmöglichen Selbstständigkeit und die Teilnahme an sozialen Aktivitäten.

Vom ersten Tag an steht bei allen Rehapatienten eine Stunde Alltagstraining auf dem Programm, normalerweise in der Gruppe. Gemeinsam trainieren sie Bewegungen, die speziell auf das betroffene Gelenk abgestimmt sind. „Schulterpatienten müssen etwa üben, wie sie etwas aus dem Backofen holen können“, sagt die Ergotherapeutin. Zudem findet eine Hilfsmittelberatung in der Gruppe statt, bei der Patienten mit Greifzangen oder Sockenanziehhilfen ausgestattet werden.

Inzwischen ist Klaus Gerbeth mit einer anderen Physiotherapeutin raus in den Garten gegangen. Dort ist ein Parcours angelegt, auf dem Patienten das Laufen auf unterschiedlichen Untergründen üben können. Gerbeth versucht sich ein letztes Mal an der Treppe, obwohl er sie schon viele Male gemeistert hat. Die Therapeutin sagt ihm zur Sicherheit, welches Bein er wann setzen soll und ermahnt ihn: „Sie sollten sich am Geländer festhalten, auch wenn Sie schon so fit sind.“ So schnell wie Gerbeth lernen nur Patienten, die vorher viel Sport getrieben haben. Der fitte Senior fiebert schon darauf hin, wieder anzufangen. „Im Februar will ich mit dem Golftraining beginnen“, sagt er. Damit das möglich wird, geht er eine Stunde pro Tag in die „Muckibude“, wie er es nennt. Das Fitnessstudio der Klinik liegt direkt neben dem ADL-Bereich. Hier wird der ganze Körper trainiert.

Wassergymnastik mit Poolnudel

Eine ältere Frau in einem roten Oberteil zieht unter Anleitung eines Trainers konzentriert an einem Seilzug, andere Patienten strampeln und schwitzen auf Ergometern. Sie schauen durch eine große Glasscheibe hinaus auf das Tegeler Fließ, auf dem ein Schwan vorbeizieht. Für Gerbeth stellt die Therapeutin eine Art Plastikstufe auf. Er soll sein rechtes Bein darauf stellen, mit der linken Hand an einer Kletterwand festhalten und dann das linke Bein seitwärts auf und ab bewegen. „Denken Sie daran, die Zehenspitzen nach innen zu drehen, damit der Fuß gerade nach vorn zeigt“, sagt die Therapeutin. Sie hält ihn an der Taille fest – „damit Sie wirklich die seitliche Muskulatur trainieren“.

Dann muss Gerbeth zurück auf sein Zimmer. „Die Visite kommt gleich“, sagt er und geht ohne Gehhilfe aus dem Fitnessstudio. Man merkt ihm kaum noch an, dass er vor vier Wochen eine schwere Hüft-OP hinter sich gebracht hat. Die Physiotherapeutin muss jetzt weiter ins Schwimmbad. Dort findet die Wassergymnastik statt. Der größte Anteil der Patienten, die schon im Wasser sind, hat vor Kurzem ein neues Hüft- oder Kniegelenk bekommen. Die Gymnastik ist Teil der Reha, die innerhalb von 14 Tagen nach der OP angetreten werden müsse. Schulterpatienten seien seltener, zumindest im Sommer. „Im Januar und Februar haben wir aber oft viele Schulterpatienten, immer drei Wochen nach Glatteisperioden, bei denen sie gestürzt sind.“

Die Wassergymnastik beginnt mit der Poolnudel. Die Therapeutin steht am Beckenrand. „Die Nudel muss bis zur Hälfte ins Wasser“, sagt sie. „Schulter nach hinten und kreisende Bewegungen machen.“ Sie macht es trocken vor. Die Blicke der Patienten schweifen durch die Glasscheiben aufs Tegeler Fließ, aus ihrer Perspektive wirkt es, als würden Pool und Gewässer ineinander übergehen. Die Nudel soll jetzt zwischen die Beine, „und Sie setzen sich bitte drauf. Vorn festhalten und dann Fahrrad fahren“. Die Patientin vorn am Beckenrand im braunen Badeanzug schwankt und lacht: „Aufrechter, oder?“, fragt sie. „Ja, sodass es anstrengend für die Oberschenkel wird.“

Ob Schwimmbad, Auto oder Supermarkt: Die Patienten sollen lernen, wieder so selbstständig wie möglich zu sein. Deshalb endet das Training auch nicht mit der Reha. Wenn Klaus Gerbeth in den nächsten Tagen die Klinik verlässt, wird er einen Übungsplan mitbekommen, um auch zu Hause weiter zu trainieren. Damit er so fit bleibt.

Im Tagesspiegel Reha-Führer 2017 finden Sie weitere interessante Artikel zum Thema Rehabilitation nach verschiedenen Erkrankungen. Die Funktion und der Aufbau von Knie- und Hüftgelenken und der Wirbelsäule werden ausführlich beschrieben. Ratgeber helfen bei der Frage, ob eine ambulante oder stationäre Reha besser ist und wie man die Qualität guter Reha messen kann. Das Heft enthält auch eine Vergleichstabelle mit Fallzahlen und Ärzteempfehlungen von 54 orthopädischen Rehazentren in Berlin und Brandenburg. Der Reha-Führer kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520 sowie im Zeitschriftenhandel.

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