Berlin : Reif für die grüne Insel

Amory Burchard

Über die grünen Hügel laufen. Am Strand entlang reiten. Beim Hunderennen Spaß haben und abends im Pub relaxen. Christine Strauß lässt die schönen Bilder aus dem Werbefilm über Irland auf dem großen Bildschirm in Saal B des Estrel-Hotels an sich vorüberziehen. Die 36-jährige arbeitslose Arzthelferin versucht, ihre Enttäuschung herunterzuschlucken. Gleich fährt sie heim nach Lankwitz, um ihren achtjährigen Sohn aus dem Hort abzuholen. Nach Irland wird sie wohl nicht fahren. "1000 Jobs für junge Deutsche in Irland" hatte sie am Wochenende in den Stellenanzeigen gelesen. Die Bundesanstalt für Arbeit, irische Arbeitgeber und Vermittler luden ins Hotel ein, um diese Jobs vorzustellen. Auch im Bereich Gesundheit und Soziales werden Arbeitskräfte gesucht - aber keine Arzthelferinnen, hat Christine Strauß gestern Mittag erfahren. Angebote gibt es für Krankenschwestern. Bewerben könnte sie sich allenfalls als Pflegehelferin, aber da verdient sie nur 15 Mark die Stunde. Christine Strauß träumt schon lange davon, ins Ausland zu gehen, nach Irland zum Beispiel wegen der herrlichen Natur und der "mystischen Landesgeschichte".

In Saal A, wo die Jobvermittler an ihren Tischen auswanderungswillige Berliner beraten, hofft Kevin Quinn auf realistische Bewerber. "Bei uns ist es immer noch grün, aber die Leute sollten nicht durch eine rosa Brille sehen", sagt der Europa-Manager des irischen Arbeitsamts. Irland sei ein sehr dynamisches, produktives und hart arbeitendes Land. Und Irland hat nach vielen Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs chronischen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Die meisten Jobs gibt es in Call-Centern europaweit arbeitender Service-Firmen, aber auch in Kliniken, in Hotels und auf dem Bau. In Berlin hat Quinn "hochmotivierte, gut qualifizierte Leute" gesehen. Knapp 400 Bewerber kamen an zwei Tagen ins Estrel. Viele bekamen ein Jobangebot, andere werden zu einem zweiten Gespräch eingeladen.

Bernd und Martina Reschke wollen hart arbeiten. Der Bauarbeiter und die Textilreinigerin, die jetzt Bürokauffrau lernt, haben "keine Ahnung von Irland". Das Ehepaar aus Marzahn - Mitte 30, zwei Kinder - ist mit der klassischen Gastarbeiter-Mentalität gekommen. "Ein paar Jahre gut verdienen, aber nicht für ewig dort hinziehen" will Bernd Reschke. Er ist seit einem Jahr arbeitslos und sieht keine Chance mehr für sich im deutschen Bauwesen. Seine alte Firma habe fast alle Facharbeiter entlassen und die billigeren Bauhelfer behalten. Die acht- und elfjährigen Töchter der Reschkes wussten gestern noch gar nichts von den Plänen ihrer Eltern. Die lasen beim Frühstück einen Bericht in ihrer Zeitung und fuhren gleich los. Im Estrel wird ihr Enthusiasmus gebremst. Für Bauarbeiter gibt es keinen Ansprechpartner. Bernd Reschke füllt einen Bewerbungsbogen aus, den die irische Arbeitsvermittlung in Bonn nach Dublin weiterleiten soll. Jobmanager Quinn plant eine Extra-Veranstaltung für das Baugewerbe, muss aber zuerst die irischen Baufirmen nach Deutschland locken. Die seien gewohnt, dass sich die Leute direkt auf der Baustelle bewerben, "aber das kann man von den Deutschen ja kaum verlangen."

Agraringenieur Henning Müller ist schon eine Runde weiter im irischen Bewerbungsreigen. Nach einer Gruppenberatung mit der Mitarbeiterin des Callcenters einer großen Autovermietung wartet er auf das persönliche "Interview". Nach fünf Jahren Zeitarbeit in verschiedenen Computerjobs hat sich bei dem 36-Jährigen "der Frust festgefressen". Er könne es nicht mehr hören: "Überqualifiziert, Lücken in der Biographie". Müller, der extra aus Lüneburg zur Jobbörse kam, will nur noch eines - "eine Lebensperspektive".

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