Berlin : Reinickendorf will nicht am Zug sein

Rainer W. During

Der Bezirk macht mobil gegen die Nordbahn nach Rostock. Angesichts einer schon jetzt großen Belastung durch Verkehrswege votierte nach dem Bezirksamt am Mittwochabend auch die Bezirksverordnetenversammlung gegen den geplanten Bau der Bahnstrecke. Als Alternative fordern die Verordneten eine Modernisierung der bisher genutzten Trasse über Karow.

Im nächsten Jahr beginnt laut Baustadtrat Michael Wegner (CDU) das Planfeststellungsverfahren für den bis 2007 vorgesehenen zweigleisigen Ausbau der S-Bahn-Strecke nach Oranienburg. Bei der Trasse werde gleich der anschließend für 2008 bis 2010 geplante Bau der zweigleisigen Fernbahnstrecke mit berücksichtigt. Sie ist Bestandteil des Bundesverkehrswegeplanes und des kurz nach der Vereinigung beschlossenen Pilzkonzeptes für die Berliner Fernbahn. Die Bahnstrecke wäre nach Autobahn und Bundesstraße 96 die dritte große Nord-Süd-Trasse durch den Bezirk, begründete Wegner die Ablehnung. Hinzu kämen die Querachsen Bernauer- / Holzhauser Straße und Kurt-Schumacher-Damm. Bereits heute sei Reinickendorf mit dem durchgehenden Schwerlast- und Pendlerverkehr sowie dem Flughafen Tegel überproportional belastet. Angesichts der für Reinickendorf-Ost diskutierten Verkehrsberuhigung und Verbesserung des Wohnumfeldes wäre die Nordbahn "ein schlechter Dienst für die soziale Entwicklung in diesem Bereich".

Trotz gegenteiliger Gerichtsurteile in anderen Bezirken geht der Bezirk nicht von einer Wiederinbetriebnahme, sondern von einer Neubaustrecke aus - im Gegensatz zur Bahn. Für einen Neubau würden strengere Lärmschutzregeln gelten. Wegner rechnet deshalb damit, dass sich die auf 194 bis 215 Millionen Euro veranschlagten Baukosten auf rund 250 Millionen Euro erhöhen werden. Dem stünde bei einer Fahrzeitverkürzung um nur zehn Minuten eine jährliche Kostenersparnis der Bahn von 1,1 Millionen Euro gegenüber. Der Ausbau des Karower Kreuzes kostet nach Schätzung von Frank Marten (CDU) lediglich 26 bis 31 Millionen Euro. Bei der Differenz könnte die Bahn nach seiner Meinung "150 Jahre lang den Umweg fahren".

Die vier bis fünf Meter hohen Schallschutzwände würden zwischen Reinickendorf und Pankow eine "neue Mauer" bilden und sich quer durch Waidmannslust, Hermsdorf und Frohnau ziehen, sagte Marten. Vollrath Thurow (FDP) befürchtet "ein trojanisches Pferd": Sei die Trasse erst gebaut, habe die Bahn auch Interesse an einer "kommerziellen Auslastung. Dann wäre zusätzlich mit Güterzügen und nach der EU-Erweiterung mit einer Anbindung des polnischen Streckennetzes über Stettin zu rechnen.

Edwin Massalsky (Bündnisgrüne) nannte die Beschränkung auf Personenzüge und ein innerstädtisches Tempolimit als Mindestvoraussetzungen für eine Trasse durch Reinickendorf. Die gewünschte Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene funktioniere allerdings nur bei einem attraktiven Bahnangebot. Sollte die Nordbahn nicht zu verhindern sein, müsse der Bezirk im Planfeststellungsverfahren für optimale Rahmenbedingungen eintreten, forderte Gregor Drews (SPD).

Stadtrat Wegner bemängelte das Fehlen einer unabhängigen Genehmigungsbehörde. Durch ihre Planungsautonomie entscheide die Bahn, die im Anhörungsverfahren selbst über die Einwände der Bürger.

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