Berlin : Rennen um die Radrennbahn

120 Millionen Euro wollte ein Möbelhändler aus Österreich in der Stadt investieren – der Berliner Kurt Krieger kam ihm zuvor

Ralf Schönball

Der Deutschland-Chef von Lutz-Neubert ist sauer. „In Berlin“, sagt Rudolf Christa, „wurden wir an der Nase herumgeführt.“ Der Möbelhändler mit Stammsitz in Österreich hat den Wettstreit um das Grundstück der Radrennbahn in Schöneberg verloren. Dort soll ein neues, großflächiges Möbel-Kaufhaus entstehen. Die Nase vorn hatte im Bieterstreit sein Berliner Konkurrent Kurt Krieger. Dessen Firma Höffner besitzt bereits Möbel-Center in Wedding, Marzahn und Waltersdorf. In dieser Woche legte er den Grundstein für einen Neubau in Neukölln. Lutz-Neubert schließt nicht aus, dass das vorerst letzte Aufeinandertreffen mit dem Rivalen ein Nachspiel vor Gericht haben wird. Die Pläne seiner Gruppe zur Eroberung des Berliner Marktes will er aber trotz der Schlappe nicht aufgeben.

Auf dem Berliner Markt für Möbeldiscounter tobt ein Wettstreit der Handelskonzerne. Krieger ist mit einem Umsatz von 1,35 Milliarden Euro drittgrößter Möbelhändler bundesweit, hinter Ikea und Karstadt. Kriegers Rivale Lutz-Neubert, Marktführer in Österreich und Süddeutschland, ist mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro ähnlich gut aufgestellt. Beide sind zur Expansion gezwungen, um auf dem seit drei Jahren schrumpfenden Möbelmarkt weiter wachsen zu können.

Für Lutz-Neubert-Manager Christa ist Berlin ein lukrativer Markt: In Wien konkurrierten 14 verschiedene Handelskonzerne auf dem Markt für großflächige Möbelcenter, in Berlin seien es nur drei. „Das ist ein Oligopol“, sagt Christa. Doch der Wettlauf um die besten Grundstücke für Möbel-Märkte war wie das Rennen zwischen Hase und Igel. Überall, wo Lutz-Neubert hinkam, war Krieger schon da: Vor zwei Jahren bei einem Baugrundstück in der Neuköllner Grenzallee und jetzt bei der Radrennbahn in Schöneberg.

Eigentlich sollte dieses Grundstück gar nicht bebaut werden. Doch das österreichische Unternehmen überzeugte zunächst den Liegenschaftsfonds und dann den Bezirk davon, dass dies der ideale Standort für ein Möbel-Center ist. Es kam zur Ausschreibung des Grundstücks. Lutz-Neubert erhielt den Zuschlag und einen notariell beurkundeten Vertrag. Doch dann intervenierte Kurt Krieger: Er zweifelte die Rechtmäßigkeit des Auswahlverfahrens an, drohte Bezirksbürgermeister Ekkehard Band und Finanzsenator Thilo Sarrazin in Briefen mit einem Skandal, legte ein besseres Angebot vor – und bekam das Grundstück zugesprochen. Eine richtige Entscheidung aus Sicht von Finanzstaatssekretär Hubert Schulte: „Der Vertrag mit Lutz-Neubert räumte ausdrücklich die Möglichkeit ein, von diesem zurückzutreten.“

„Das Platzhirsch-Denken ist in der Branche üblich", sagt Thomas Grothkopp, Chef des Bundesverbandes Möbelhandel. „Höffner hat es bisher geschafft, Lutz-Neubert auf seinem Stammmarkt herauszuhalten.“ Mit einem Monopol habe dies jedoch nichts zu tun. Ähnlich sieht das Kriegers Geschäftsführer Andreas Müller: „Ikea hat gerade in Tempelhof ein drittes Haus eröffnet.“ Zudem sei der Umsatz in Berlin dramatisch eingebrochen. Käme Lutz-Neubert nach Berlin, würde der Wettbewerb zusätzlich verschärft. Die Österreicher wollen den Berliner Möbel-Markt aufrollen: Neben einer Zentrale sollen zusätzlich zwei großflächige Möbel-Zentren und acht Mitnahme-Märkte entstehen – und damit rund tausend Arbeitsplätze geschaffen werden. Außerdem planen die Österreicher ein Logistik-Zentrum am Rande der Stadt. Das Ganze will sich der Konzern 120 Millionen Euro kosten lassen – den Preis für Grundstücke nicht mitgezählt. Deutschland-Chef Christa: „Wir planen ein Multi-Investment.“

Kurt Kriegers Taktik erklären Branchenkenner so: Fassen die Österreicher Lutz-Neubert in Berlin Fuß, dann schrumpft der Umsatz von Kriegers Häusern. Verloren wären dann viele Millionen Euro, Jahr für Jahr. Viel billiger sei es, die besten Grundstücke für den Bau von Möbelhäusern mit großen Flächen auf Vorrat zu kaufen. Daraus macht Krieger keinen Hehl. In einem Brief an Finanzsenator Thilo Sarrazin zum Grundstück an der Radrennbahn schreibt Krieger: „Ein Höffner-Haus an dieser Stelle ist für uns so wichtig, dass wir bis zum letzten Cent darum kämpfen wollen.“

Krieger kämpfte, siegte und bezahlt laut gut informierten Kreisen 45 Millionen Euro. Das Angebot war fünfmal höher als der Wert, den ein öffentlich bestellter Gutachter im Auftrag des Liegenschaftsfonds ermittelt hatte. Und es war fast doppelt so viel, wie Krieger und sein Wettbewerber Lutz-Neubert in der ersten Runde des Pokerns um das Baugrundstück bezahlen wollten. „Man kann nicht über derartige Preisdifferenzen hinwegsehen“, begründet Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch den Verkauf an Krieger.

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